Warenkorb
 

Die weiße Garde

Roman

Sammlung Luchterhand Band 62095

Krieg und Frieden in Kiew: Michail Bulgakows erster, autobiografisch gefärbter Roman.

Dezember 1918: In Russland herrscht Bürgerkrieg. Die Truppen des kaiserlichen Deutschland haben weite Teile der Ukraine besetzt. Kiew wird zum Sammelbecken für die „Weissen“: Bankiers, Adlige, Halbweltdamen auf der Flucht vor der „roten Gefahr“.

Portrait
Bulgakow, Michail
Michail Bulgakow wurde am 15. Mai 1891 in Kiew geboren und starb am 10. März 1940 in Moskau. Nach einem Medizinstudium arbeitete er zunächst als Landarzt und zog dann nach Moskau, um sich ganz der Literatur zu widmen. Er gilt als einer der grössten russischen Satiriker und hatte zeitlebens unter der stalinistischen Zensur zu leiden. Seine zahlreichen Dramen durften nicht aufgeführt werden, seine bedeutendsten Prosawerke konnten erst nach seinem Tod veröffentlicht werden. Seine Werke liegen im Luchterhand Literaturverlag in der Übersetzung von Thomas und Renate Reschke vor.
… weiterlesen
  • Artikelbild-0
  • Gross war es und fürchterlich, das eintausendneunhundertundachtzehnteJahr nach Christi Geburt, das zweite aber nach Beginn der Revolution. Reich war es im Sommer an Sonnenschein und im Winter an Schnee, und besonders hoch standen am Himmel zwei Sterne: der abendliche Hirtenstern Venus und der rote, flimmernde Mars.
    Aber die Tage fliegen in friedlichen wie in blutigen Jahren pfeilgeschwind dahin, und die jungen Turbins bemerkten gar nicht, wie in klirrendem Frost der weisszottige Dezember angebrochen war. Oh, du unser Väterchen Frost, strahlend in Schnee und Glück! Oh, Mutter, lichte Königin, wo weilst du?
    Ein Jahr nachdem die Tochter Jelena dem Hauptmann Sergej Iwanowitsch Talberg angetraut worden war und in der Woche, als der älteste Sohn, Alexej Wassiljewitsch Turbin, aus zermürbenden Feldzügen, aus Kriegsdienst und Elend zurückkehrte in die Ukraine, in die STADT, ins häusliche Nest, wurde der weisse Sarg mit dem Leichnam der Mutter den steilen Alexejewski-Hang hinuntergetragen nach Podol, ins Kirchlein des Guten Nikolai, das im Wswos stand.
    Als für die Mutter die Totenmesse gelesen wurde, war es Mai, Kirschbäume und Akazien klebten die Spitzbogenfenster zu. Vater Alexander, vor Trauer und Verlegenheit stolpernd, blinkte und funkelte unter den goldhellen Lichtern, und der lilagesichtige Diakon, bis zu den Spitzen der knarrenden Stiefel in Gold gefasst, rollte finster die kirchlichen Abschiedsworte für die Mutter, die ihre Kinder verliess.
    Alexej, Jelena, Talberg, die im Hause der Frau Turbin aufgewachsene Anjuta und auch der vom Tod betäubte Nikolka mit seinem auf die rechte Braue herabhängenden Wirbelhaar standen zu Füssen des altersbraunen Sankt Nikolai. Nikolkas dicht an der langen Schnabelnase sitzende blaue Augen blickten verwirrt und todtraurig. Von Zeit zu Zeit hob er sie zum Ikonostas oder zu dem im Halbdunkel vergehenden Altarbogen, wo der traurige, geheimnisvolle alte Gott sich aufschwang und zwinkerte. Wofür dieses Leid? Ist das nicht ungerecht? Warum wird uns die Mutter genommen, als gerade alle zusammengekommen sind und Erleichterung eingetreten ist?
    Der zum geborstenen schwarzen Himmel aufstrebende Gott gab keine Antwort, und Nikolka selbst wusste noch nicht, dass alles, was geschieht, richtig ist und sich stets zum Guten wendet.
    Die Totenmesse war beendet, alle traten hinaus auf die hallenden Platten des Vorplatzes und geleiteten die Mutter durch die ganze riesige STADT zum Friedhof, wo unter einem schwarzen Marmorkreuz schon lange der Vater lag. Auch die Mutter wurde begraben.
    Viele Jahre vor diesem Tod wärmte und hegte der Kachelofen im Esszimmer des Hauses Nummer dreizehn auf dem Alexejewski-Hang die kleine Jelena, den Ältesten Alexej und den winzigen Nikolka. Wie oft wurde an der glutatmenden Kachelwand »Zar und Zimmermann« gelesen, die Uhr spielte eine Gavotte, und Ende Dezember roch es stets nach Tannengrün, auf dessen Zweigen verschiedenfarbiges Paraffin brannte. Gleich nach der bronzenen Spieluhr, die in Mutters - jetzt Jelenas - Schlafzimmer stand, liess im Esszimmer die schwarze Wanduhr ihren Turmuhrschlag ertönen. Der Vater hatte sie vor langer Zeit gekauft, als die Frauen noch die komischen Puffärmel trugen. Solche Ärmel trug man jetzt nicht mehr, die Zeit war wie ein Funke verstoben, der Vater, ein Professor, gestorben, die Kinder waren herangewachsen, aber die Uhr war die gleiche geblieben und schlug ihren Turmuhrschlag. Alle hatten sich so an sie gewöhnt, dass, verschwände sie durch ein Wunder von der Wand, es traurig wäre, als sei eine vertraute Stimme gestorben, und den leeren Platz hätte nichts ausfüllen können. Die Uhr war aber zum Glück unsterblich wie Zar und Zimmermann und die holländischen Kacheln, heiss und lebenspendend auch in schwerster Zeit wie ein weiser Fels.
    Diese Kacheln, die alten roten Plüschmöbel, die Betten mit den glänzenden Kugeln, die verwetzten rosabunten Wandteppiche, darauf Alexej Michailowitsch, der einen Falken auf dem Arm trägt, und Ludwig XIV, der sich am Ufer eines seidenen Sees im Paradiesgarten aalt, türkische Teppiche mit dem wundersamen Geranke auf orientalischem Feld, das dem kleinen Nikolka im Scharlachfieber vor den Augen flimmerte, die bronzene Lampe mit dem Schirm, die besten Schränke der Welt mit den Büchern, die nach alter, geheimnisvoller Schokolade rochen, mit Natascha Rostowa und der Hauptmannstochter, die vergoldeten Tassen, das Silber, die Porträts und Portieren - die sieben verstaubten und vollgepfropften Zimmer, in denen die jungen Turbins aufgewachsen waren, das alles
    überliess die Mutter in schwerster Zeit den Kindern; schon schwächer werdend und nach Atem ringend, klammerte sie sich an die Hand der weinenden Jelena und sagte: »Lebt in Eintracht
    Aber wie? Wie sollte man leben?
    Alexej Wassiljewitsch, der Älteste, ein junger Arzt, war achtundzwanzig Jahre alt, Jelena vierundzwanzig, ihr Mann, Hauptmann Talberg, einunddreissig und Nikolka siebzehneinhalb. Ihr Leben wurde just zu Beginn seiner Blüte entwurzelt. Der Sturm hatte schon lange von Norden her geweht, und er wütete je länger, desto schlimmer. Der älteste Turbin war nach dem ersten Schlag, der die Berge am Dnepr erschüttert hatte, in die Heimatstadt zurückgekehrt. Nun würde, so hoffte man, alles sich beruhigen und das in den Schokoladebüchern geschilderte Leben anfangen, doch im Gegenteil, es wurde immer schrecklicher. Im Norden tobte der Sturm, und hier unter den Füssen grollte und brodelte der aufgewühlte Schoss der Erde.
    Das achtzehnte Jahr eilte seinem Ende zu und wurde von Tag zu Tag schrecklicher und widerhaariger.
    Die Wände werden einstürzen, der Falke wird erschrocken vom weissen Handschuh auffliegen, das Licht in der Bronzelampe wird erlöschen und die Hauptmannstochter im Ofen verbrennen.
    »Lebt in Eintracht«, hatte die Mutter den Kindern gesagt.
    Sie aber würden sich quälen und sterben. Einmal gegen Abend, kurz nach der Beerdigung der Mutter, kam Alexej Turbin zu Väter Alexander und sagte:
    »Ja, Trauer haben wir, Vater Alexander. Es ist schwer, die Mutter zu vergessen, noch dazu in so schrecklicher Zeit. Zumal ich gerade erst zurückgekehrt bin. Ich dachte, wir würden unser Leben in Ordnung bringen, und nun
    Er verstummte, und so, in der Dämmerung am Tisch sitzend, blickte er nachdenklich in die Ferne. Die Zweige des
    Kirchgartens hatten das Häuschen des Geistlichen ganz verdeckt. Es war, als begänne gleich hinter der Wand dieser engen, mit Büchern vollgestopften Studierstube ein geheimnisvoll wirrer Frühlingswald. Das dumpfe Brausen der abendlichen Stadt drang herbei, es duftete nach Flieder.
    »Was soll man tun, was soll man tun?« murmelte der Geistliche verlegen. (Er war immer verlegen, wenn er mit Menschen sprechen musste.) »Alles liegt in Gottes Hand.«
    »Vielleicht geht all das eines Tages doch zu Ende, und es kommen bessere Zeiten?« fragte Turbin vor sich hin.
    Der Geistliche regte sich im Sessel.
    »Die Zeiten sind zweifellos schwer, sehr schwer«, murmelte er. »Aber man darf nicht den Mut verlieren.«
    Dann schob er plötzlich die weisse Hand aus dem schwarzen Ärmel seines Priesterrocks, legte sie auf einen Stoss Bücher und öffnete das oberste, da, wo das buntbestickte Lesezeichen lag.
    »Man darf nicht verzagen«, sagte er verlegen, aber irgendwie sehr überzeugend. »Verzagtheit ist eine grosse Sünde. Obwohl mir scheint, uns stehen grosse Prüfungen bevor. Ja, ja, grosse Prüfungen.« Er sprach immer sicherer. »In letzter Zeit, wissen Sie, sitze ich viel über den Büchern, natürlich aus meinem Fachgebiet, meist über Gottes Wort.«
    Er hob das Buch so, dass das letzte Licht vom Fenster auf die Seite fiel, und las:
    »Und der dritte Engel goss aus seine Schale in die Wasserströme und in die Wasserbrunnen; und es ward Blut.«
    2
    Es war also ein weisszottiger Dezember. Rasch
    näherte er sich seiner Mitte. Schon war der Abglanz von Weihnachten auf den verschneiten Strassen zu spüren. Das achtzehnte Jahr würde bald zu Ende sein.
    Oberhalb des zweigeschossigen Hauses Nummer dreizehn, das eine ganz seltsame Bauart hatte (die Turbinsche Wohnung lag zur Strasse im ersten Stock und zu dem kleinen, zum Haus her abfallenden gemütlichen Hof im Erdgeschoss), in dem Garten, der an einem steilen Berg klebte, hingen die Zweige, vom Schnee gebeugt. Der Berg war verschneit, und die Schuppen im Hof hatten sich in einen riesengrossen Zuckerhut verwandelt. Das Haus hatte eine Generalsmütze aufgesetzt, in der unteren Etage (zur Strasse hin Erdgeschoss, zum Hof aber, unter Turbins Veranda, Kellergeschoss) glomm das gelbliche Licht beim Ingenieur, Feigling, Bourgeois und Scheusal Wassili Iwanowitsch Lissowitsch auf, und in der oberen Etage leuchteten hell und lustig die Fenster der Turbins.
    In der Dämmerung gingen Alexej und Nikolka in den Schuppen nach Holz.
    »Oh, verdammt wenig Holz. Sieh mal, sie haben wieder gestohlen.«
    Aus Nikolkas Taschenlampe sprang ein bläulicher Lichtkonus, in dem man sah, dass die Bretterwand von aussen abgerissen und flüchtig wieder angenagelt worden war.
    »Weiss Gott, ich würde die Halunken gerne abschiessen. Setzen wir uns doch heute nacht hier auf Wache! Ich weiss, das sind die Schuhmacher aus Nummer elf. Diese Schurken! Dabei haben sie mehr Holz als wir.«
    »Lass sie. Komm, fass an.«
    Das rostige Schloss quietschte, Schnee fiel vom Dach auf die Brüder, sie trugen das Holz in die Wohnung. Um neun konnte man die Kacheln schon nicht mehr anfassen.
    Der herrliche Ofen hatte auf seinen blendendweissen Kacheln folgende historische Inschriften und Zeichnungen, draufgetuscht zu verschiedenen Zeiten des Jahres achtzehn von Nikolka und erfüllt von tiefem Sinn und Bedeutung:
    Wenn man dir sagt, die Verbündeten würden uns zu Hilfe eilen, glaube es nicht. Die Verbündeten sind Schurken.
    Er sympathisiert mit den Bolschewiken.
    Eine Zeichnung: Die Fratze von Momus. Unterschrift:
    »Der Ulan Leonid Jurjewitsch.«
    Schreckliches Gerücht Im Lande: Zieht heran die rote Bande!
    Eine farbige Zeichnung: Ein schnauzbärtiger Kopf mit einer Papacha, von deren Spitze ein langer blauer Schwanz hängt.
    Unterschrift:
    »Nieder mit Petljura!«
    Jelena und die alten zärtlichen Jugendfreunde der Turbins, Myschlajewski, Karausche und Scherwinski, hatten mit Farben, Tusche, Tinte und Kirschsaft geschrieben:
    Jelena liebt uns alle sehr, den einen noch, den andern nicht mehr.
    Jelena, ich habe Karten für »Aida« 1. Rang,, Loge 8, rechts.
    Am 12. Mai 1918 habe ich mich verliebt.
    Sie sind dick und hässlich.
    Jetzt bleibt mir nur eines - Selbstmord.
    (Darunter war, gut getroffen, ein Browning gezeichnet.)
    Es lebe Russland! Es lebe die Monarchie!
    Juni. Barkarole.

In den Warenkorb

Beschreibung

Produktdetails

Einband Klappenbroschur
Seitenzahl 400
Erscheinungsdatum 18.04.2006
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-630-62095-4
Verlag Luchterhand Literaturverlag
Maße (L/B/H) 18.8/12/3 cm
Gewicht 332 g
Originaltitel Belaja gvardija
Übersetzer Thomas Reschke, Larissa Robine
Verkaufsrang 72376
Buch (Klappenbroschur)
Buch (Klappenbroschur)
Fr. 14.90
Fr. 14.90
inkl. gesetzl. MwSt.
inkl. gesetzl. MwSt.
zzgl. Versandkosten
Versandfertig innert 1 - 2 Werktagen,  Kostenlose Lieferung ab Fr.  30 i
Versandfertig innert 1 - 2 Werktagen
Kostenlose Lieferung ab Fr.  30 i
In den Warenkorb
Vielen Dank für Ihr Feedback!
Entschuldigung, beim Absenden Ihres Feedbacks ist ein Fehler passiert. Bitte versuchen Sie es erneut.
Ihr Feedback zur Seite
Haben Sie alle relevanten Informationen erhalten?

Weitere Bände von Sammlung Luchterhand mehr

  • Band 62083

    6374898
    Hohler, F: Vom richtigen Gebrauch der Zeit
    von Franz Hohler
    Buch
    Fr.12.90
  • Band 62086

    11418063
    Buch der Chroniken
    von António Lobo Antunes
    Buch
    Fr.14.90
  • Band 62093

    11418080
    Der Meister und Margarita
    von Michail Bulgakow
    (13)
    Buch
    Fr.17.90
  • Band 62094

    11418073
    Teufeliaden
    von Michail Bulgakow
    (1)
    Buch
    Fr.14.90
  • Band 62095

    11418100
    Die weiße Garde
    von Michail Bulgakow
    Buch
    Fr.14.90
    Sie befinden sich hier
  • Band 62096

    11418093
    Das Leben des Herrn de Molière
    von Michail Bulgakow
    Buch
    Fr.13.90
  • Band 62097

    11418009
    Aufzeichnungen eines Toten
    von Michail Bulgakow
    Buch
    Fr.13.90

Kundenbewertungen

Durchschnitt
2 Bewertungen
Übersicht
1
1
0
0
0

In den Wirren des Krieges
von einer Kundin/einem Kunden am 24.04.2019
Bewertet: Einband: gebundene Ausgabe

Die Ukraine war am Ende des ersten Weltkriegs der Aufmarschplatz für verschiedene Großmächte und Ideologien. Das deutsche Kaiserreich eroberte große Gebiete des Landes, von Russland aus versuchte der neu entstandene Bolschewismus in der Ukraine an die Macht zu gelangen. Gepaart mit diversen Partisanen und der ukrainischen Armee ... Die Ukraine war am Ende des ersten Weltkriegs der Aufmarschplatz für verschiedene Großmächte und Ideologien. Das deutsche Kaiserreich eroberte große Gebiete des Landes, von Russland aus versuchte der neu entstandene Bolschewismus in der Ukraine an die Macht zu gelangen. Gepaart mit diversen Partisanen und der ukrainischen Armee kam das so zu einem Tohuwabohu an Interessen und Konflikten. In diesem Chaos versucht die Kiewer Familie Turbin zu überleben. Bulgakow beschreibt ein packendes Stück Zeitgeschichte, welches gewisse Parallelen zur heutigen Lage in der Ukraine aufweist. Der Autor verwebt historische Fakten gekonnt mit den unterschiedlichen Charakteren der Familie, für die sich die Entscheidung, auf welche Seite man sich schlägt, immer mehr zur Zerreißprobe wird. Ein großer Roman, brillant übersetzt!

von einer Kundin/einem Kunden am 29.01.2019
Bewertet: anderes Format

Der Roman schildert die Verhältnisse um das Ende des ersten Weltkrieges und dem Beginn des Bürgerkrieges in der Ukraine.Historien Roman mit einem Schuss Phantastik, Bulgakow eben.