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Sonnensturm

Roman. Ausgezeichnet mit dem schwedischen Krimipreis

Ein hochspannender psychologischer Krimi vor der winterlichen Kulisse Lapplands. Ausgezeichnet mit dem Schwedischen Krimipreis.

Winter in Nordschweden: Zwischen Schnee und Eis und ewiger Nacht geschieht ein schreckliches Verbrechen: Viktor Stråndgard liegt tot in der Kirche vor dem Altar, brutal ermordet. Die hochschwangere Kriminalinspektorin Anna-Maria Mella nimmt die Ermittlungen auf. Und auch die Anwältin Rebecka Martinsson, eine alte Freundin des Toten, kehrt kurz entschlossen in ihre ehemalige Heimat zurück, um Viktors Schwester beizustehen. Sie ahnt nicht, dass auch ihr die Vergangenheit gefährlich werden kann ...

Portrait
Åsa Larsson, 1966 geboren, verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Kiruna. Sie arbeitete als Steueranwältin, bis sie beschloss, Autorin zu werden. Mit ihrem ersten Krimi »Sonnensturm« machte sie in Schweden sofort Furore (ausgezeichnet als bestes Krimi-Debüt). Inzwischen gibt es bereits vier Bücher mit den beiden sympathischen Ermittlerinnen Rebecka Martinsson und Anna-Maria Mella. Åsa Larsson lebt mit ihren beiden Kindern in Südschweden, in der Nähe von Gripsholm.

Dr. Gabriele Haefs studierte in Bonn und Hamburg Sprachwissenschaft. Seit 25 Jahren übersetzt sie u.a. aus dem Dänischen, Englischen, Niederländischen und Walisischen. Sie wurde dafür u.a. mit dem Gustav- Heinemann-Friedenspreis und dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, zuletzt 2008 mit dem Sonderpreis für ihr übersetzerisches Gesamtwerk. Sie hat u.a. Werke von Jostein Gaarder, Håkan Nesser und Anne Holt übersetzt. Zusammen mit Dagmar Missfeldt und Christel Hildebrandt hat sie schon mehrere Anthologien skandinavischer Schriftsteller herausgegeben.

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  • Und es ward Abend, und es ward Morgen, das war der erste Tag.

    Dass er stirbt, passiert Viktor Strandgård durchaus nicht zum ersten Mal. Er liegt in der Kirche der Kraftquelle auf dem Rücken und schaut durch die riesigen Dachfenster hoch droben. Nichts scheint ihn von dem düsteren Winterhimmel über ihm zu trennen.
    Näher als jetzt kann man gar nicht kommen, denkt er. Wenn man die Kirche auf dem Felsen am Ende der Welt erreicht hat, dann ist der Himmel so nah, dass man fast die Hand ausstrecken und ihn berühren kann.
    Das Nordlicht schlängelt sich wie ein Lindwurm durch die Nacht. Sterne und Planeten müssen ihm weichen, diesem gewaltigen Wunder aus funkelndem Licht, das sich gelassen seinen Weg durch das Himmelsgewölbe bahnt.
    Viktor Strandgård folgt dieser Wanderung mit seinen Augen.
    Ob es wohl singt, überlegt er. Wie ein einsamer Wal unter dem Himmel?
    Und als hätten seine Gedanken es erreicht, hält das Nordlicht für eine Sekunde inne. Unterbricht seine unaufhaltsame Reise. Betrachtet Viktor Strandgård aus kalten Winteraugen. Denn er ist wahrlich schön wie eine Ikone, wie er so daliegt. Das dunkle Blut wie ein Heiligenschein um seine langen blonden Luciahaare. Jetzt spürt er seine Beine nicht mehr. Er ist unendlich müde. Er hat keine Schmerzen.
    Seltsamerweise denkt er an seinen ersten Tod, während er hier liegt und dem Lindwurm ins Auge schaut. Damals fuhr er im Spätwinter auf dem Rad den langen Hang auf die Kreuzung von Adolf Hedinsvägen und Hjalmar Lundbohmsvägen zu. Fröhlich und fromm und mit der Gitarre auf dem Rücken. Er weiss noch, wie sein Rad hilflos über das Eis glitt, als er zu bremsen versuchte. Wie er sie von rechts kommen sah, die Frau in dem roten Fiat Uno. Wie sie einen Blick tauschten, wie beide im Auge des Gegenübers die Erkenntnis registrierten, jetzt beginnt sie, die eisige Rutschfahrt in den Tod.
    Mit diesem Bild vor Augen stirbt Viktor Strandgård zum zweiten Mal in seinem Leben. Schritte nähern sich, aber die hört er nicht. Seine Augen brauchen das funkelnde Messer nicht einmal zu sehen. Wie eine leere Schale liegt sein Körper auf dem Kirchenboden und wird durchbohrt. Wieder und wieder. Und der Lindwurm nimmt gelassen seine Wanderung über das Himmelsgewölbe wieder auf.

    Montag, 17. Februar

    Rebecka Martinsson wurde von ihrem Keuchen geweckt, als die Unruhe ihren Körper erfasste. Sie riss in der Dunkelheit die Augen auf. Genau an der Grenze zwischen Traum und Wachen hatte sie das deutliche Gefühl, dass da jemand in ihrer Wohnung war. Sie blieb ganz still liegen und lauschte, aber sie hörte nur ihr eigenes Herz, das wie ein verängstigter Hase durch ihre Brust zu jagen schien. Ihre Finger tasteten nach dem Wecker auf dem Nachttisch und fanden den kleinen Leuchtknopf. Viertel vor vier. Vier Stunden zuvor war sie schlafen gegangen, und nun war sie bereits zum zweiten Mal aufgewacht.
    Das liegt an der Arbeit, dachte sie. Ich arbeite zu viel. Und deshalb kommen meine Gedanken nachts ebenso wenig zur Ruhe wie ein Hamster in einem ungeölten Laufrad.
    Ihr Kopf und ihr Nacken taten weh. Offenbar hatte sie im Schlaf mit den Zähnen geknirscht. Da konnte sie auch gleich aufstehen. Sie wickelte sich in ihre Decke und ging in die Küche. Ihre Füsse fanden den Weg auch im Dunkeln, deshalb brauchte sie kein Licht. Sie schaltete Kaffeemaschine und Radio ein. Immer wieder erklang das Pausensignal, wie ein tonloser Gebetsruf, während das Wasser in den Filter tropfte und sie duschte.
    Ihre langen Haare mussten von selbst trocknen. Sie trank Kaffee und zog sich gleichzeitig an. Während des Wochenendes hatte sie ihre Garderobe für die kommende Woche gebügelt und in den Schrank gehängt. Jetzt war Montag. Auf dem Montagskleiderbügel hingen eine kreideweisse Bluse und ein marineblaues Kostüm von Marella. Sie schnupperte an ihren Strümpfen vom Vortag, die mussten noch einen Tag halten. Sie beulten am Spann ein wenig aus, aber wenn sie sie straff zog und unter ihren Fuss stopfte, fiel das nicht weiter auf. Sie durfte eben tagsüber ihre Schuhe nicht abstreifen. Aber das war nicht wichtig. Um Unterwäsche und Strümpfe könnte sie sich noch Gedanken genug machen, wenn die Möglichkeit bestand, dass jemand ihr beim Ausziehen zusehen würde. Ihre Unterwäsche war verwaschen und grau.

    Eine Stunde später sass sie in ihrem Büro am Computer. Der Text plätscherte wie ein Gebirgsbach durch ihren Kopf, durch ihre Arme und bis hinaus in ihre über die Tastatur jagenden Finger. Bei der Arbeit fand sie Ruhe. Ihr Unbehagen von vorhin war wie weggeblasen.
    Das ist schon seltsam, dachte sie. Die ganze Zeit jammere ich mit den Kollegen darüber, wie schrecklich die Arbeit doch ist. Aber wenn ich arbeite, komme ich zur Ruhe. Finde fast eine Art Freude. Wenn ich dagegen nicht arbeite, dann überkommt mich die Unruhe.
    Das Licht der Strassenlaternen bahnte sich mühsam einen Weg durch die grossen, vielfach unterteilten Fenster. Noch immer waren im Klangbild von draussen einzelne Autos zu unterscheiden, aber schon bald würde die Strasse sich in ein dumpfes Verkehrsdröhnen verwandeln. Rebecka liess sich in ihrem Schreibtischsessel zurücksinken und begann mit dem Ausdrucken. Im dunklen Gang draussen erwachte der Drucker zum Leben und machte sich an den ersten Auftrag des Tages. Dann fiel die Tür bei der Rezeption ins Schloss. Rebecka seufzte und schaute auf die Uhr. Zehn vor sechs. Ihre Einsamkeit hatte ein Ende.
    Sie konnte nicht hören, wer da gekommen war. Die weichen Teppiche auf dem Gang dämpften alle Schritte, aber nach einer Weile wurde die Tür zu ihrem Zimmer geöffnet.
    »Darf man stören?«
    Es war Maria Taube. Sie stiess die Tür mit der Hüfte auf, denn sie hielt in jeder Hand eine Kaffeetasse. Rebeckas Computerausdruck klemmte unter ihrem rechten Arm.
    Beide Frauen arbeiteten als frischgebackene Anwältinnen mit Spezialgebiet Steuerrecht in der Kanzlei Meijer & Ditzinger. Die Kanzlei lag im Obergeschoss eines schönen Jugendstilgebäudes in der Birger Jarlsgatan. Der Flur war von semi-antiken Perserteppichen bedeckt, und an einigen Stellen standen gediegene Sofas und bequeme Sessel aus altem Leder. Alles strahlte Erfahrung, Einfluss, Geld und Kompetenz aus. Es war ein Büro, das den Mandanten das Gefühl gab, sich hier in sicherer Obhut zu befinden und sorgsam betreut zu werden.
    »Wenn man stirbt, wird man so müde sein, dass man sich wünscht, es gäbe kein Leben nach dem Tod«, sagte Maria und stellte eine Tasse auf Rebeckas Schreibtisch. »Aber das gilt natürlich nicht für dich, Maggie Thatcher. Wann bist du heute gekommen? Oder bist du gar nicht erst zu Hause gewesen?«
    Sie hatten beide den Sonntagabend im Büro verbracht. Maria war als Erste nach Hause gegangen.
    »Ich bin erst seit ein paar Minuten hier«, log Rebecka und nahm Maria den Ausdruck ab.
    Maria liess sich in den Besuchersessel sinken, streifte ihre viel zu teuren Lederschuhe ab und zog die Beine hoch.
    »Was für ein Wetter«, sagte sie.
    Rebecka schaute überrascht aus dem Fenster. Regen hämmerte gegen die Fensterscheibe. Ihr war das noch gar nicht aufgefallen. Doch dann fiel ihr ein, dass es schon geregnet hatte, als sie ins Büro gekommen war. Aber sie wusste nicht mehr, ob sie zu Fuss gekommen war oder die U-Bahn genommen hatte. Ihr Blick haftete wie hypnotisiert an dem Wasser, das gegen das Fenster prasselte und daran hinunterlief.
    Stockholmer Winter, dachte sie. Kein Wunder, dass man sein Bewusstsein ausschaltet, wenn man das Haus verlässt. Zu Hause ist das anders. Mit mittwinterblauem Dämmerlicht und knisterndem Schnee. Oder im späten Winter. Wenn man auf Skiern von Omas Haus in Kurravaara am Fluss entlang zur Hütte in Jiekajärvi gelaufen ist und dann eine Pause macht und sich auf den ersten schneefreien Fleck unter einer Tanne setzt. Die Baumrinde, die in der Sonne kupferrot aufglüht. Der Schnee seufzt vor Erschöpfung, wenn er in der Wärme in sich zusammensinkt. Kaffee, Apfelsinen und belegte Brote im Rucksack.
    Marias Stimme holte sie aus diesen Erinnerungen. Rebeckas Gedanken wehrten sich und wollten weiter ihren Gang gehen, aber sie riss sich zusammen und sah die erhobenen Augenbrauen ihrer Kollegin.
    »Hallo! Ich habe gefragt, ob du die Nachrichten hören willst.«
    »Sicher.«
    Rebecka liess sich im Sessel zurücksinken und streckte die Hand nach dem Radio auf der Fensterbank aus.
    Himmel, was ist sie mager, dachte Maria und musterte den Brustkorb ihrer Kollegin, der sich unter deren Jacke abzeichnete. Auf den Rippen kann man doch glatt Xylophon spielen.
    Rebecka drehte das Radio lauter, und die zwei Frauen sassen mit ihren Kaffeetassen da und senkten ihre Häupter wie zum Gebet.
    Maria blinzelte. Dabei taten ihre müden Augen weh. Heute würde sie beim Bezirksgericht im Fall Stenman Berufung einlegen müssen. Måns würde sie umbringen, wenn sie ihn um noch mehr Zeit bäte. Sie spürte, wie ihr Zwerchfell brannte. Bis zum Mittagessen durfte sie keinen Kaffee mehr trinken. Hier sass sie wie in einem Dornröschenschloss, Tage und Nächte, Abende und Wochenenden in diesem tristen Büro mit all den verdammten Akten, die sich zum Teufel scheren konnten, all den versoffenen Partnern, die ihr in den Ausschnitt glotzten, und draussen strömte das Leben einfach vorbei. Sie wusste nicht, ob sie weinen oder revoltieren sollte, aber am Ende konnte sie sich nur nach Hause vor den Fernseher schleppen und im angstdämpfenden Geflimmer einnicken.

    »Es ist sechs Uhr morgens, hier kommen die Nachrichten. Ein bekannter religiöser Aktivist von Mitte zwanzig wurde am frühen Morgen in der Kirche der Kraftquelle in Kiruna ermordet aufgefunden. Die Polizei von Kiruna wollte sich bisher zu diesem Mordfall nicht äussern, hat inzwischen aber mitgeteilt, dass noch keine Verdächtigen festgenommen worden sind und dass die Tatwaffe bisher fehlt. Immer mehr Gemeinden entziehen sich ihren Fürsorgeverpflichtungen, wie eine neue Untersuchung zeigt …«
    Rebecka liess ihren Stuhl so rasch herumwirbeln, dass sie mit der Hand gegen die Fensterbank knallte. Sie schlug auf die Austaste des Radios und goss sich gleichzeitig Kaffee über das Knie.
    »Viktor«, rief sie. »Jemand anders kann das doch gar nicht sein.«
    Maria musterte sie überrascht.
    »Viktor Strandgård? Der Paradiesjünger? Hast du den gekannt?«
    Rebecka riss sich von Marias Blick los. Starrte den Kaffeefleck auf ihrem Rock an. Ihr Gesicht war ausdruckslos und verschlossen. Ihre Lippen dünn und zusammengepresst.
    »Natürlich hab ich ihn gekannt. Aber ich war seit Jahren nicht mehr zu Hause. Ich kenne da eigentlich niemanden mehr.«
    Maria erhob sich aus ihrem Sessel, kam auf Rebecka zu und nahm die Kaffeetasse aus den erstarrten Händen ihrer Kollegin.
    »Wenn du sagen willst, dass du ihn nicht gekannt hast, dann macht das auch nichts, Herzchen, aber du kannst hier jeden Moment ohnmächtig werden. Du bist leichenblass. Beug dich vor und steck den Kopf zwischen die Knie.«
    Rebecka gehorchte wie ein Schulkind. Maria lief zur Toilette und holte Papier. Sie wollte versuchen, den Kaffeefleck aus Rebeckas Rock zu bekommen. Als sie zurückkam, sass Rebecka zurückgelehnt im Sessel.
    »Geht’s dir besser?«, fragte Maria.
    »Ja«, antwortete Rebecka zerstreut und sah hilflos zu, wie Maria sich mit feuchtem Papier über ihren Rock hermachte. »Ich habe ihn gekannt«, sagte sie dann.
    »Mmm, dazu war ja auch kein Lügendetektor nötig«, sagte Maria, ohne den Blick vom Fleck zu heben. »Geht es dir nahe?«
    »Nahe? Ich weiss nicht. Nein, es macht mir eher Angst.«
    »Angst?« Maria unterbrach ihre heftigen Wischbewegungen. »Angst wovor denn?«
    »Ich weiss nicht. Dass vielleicht jemand …«
    Rebecka konnte den Satz nicht beenden, denn jetzt brach das Telefon in schrilles Gedudel aus. Sie fuhr zusammen und starrte es an, nahm den Hörer aber nicht ab. Nach dem dritten Klingeln griff Maria ein. Sie legte die Hand auf die Sprechmuschel, damit die Person am anderen Ende der Leitung sie nicht hören konnte, und flüsterte:
    »Das ist für dich und offenbar aus Kiruna. Irgendein Mitglied der Muminfamilie.«

    Als das Telefon klingelte, war Polizeiinspektorin Anna-Maria Mella bereits wach. Der Wintermond füllte das Zimmer mit seinem starken weissen Licht. Die Birken vor dem Fenster zeichneten blaue Bilder ihrer verkrümmten Körper an die Wand. Noch ehe das erste Klingeln verhallt war, hatte Anna-Maria den Hörer abgenommen.
    »Hier ist Sven-Erik, warst du schon wach?«
    »Ja, aber ich liege noch im Bett. Also?«
    Sie hörte Robert seufzen und lugte verstohlen zu ihm hinüber. War er geweckt worden? Nein, er atmete weiterhin gleichmässig und tief. Sehr gut.
    »Verdächtiger Todesfall in der Kirche der Kraftquelle«, sagte Sven-Erik.
    »Na und? Ich habe seit Freitag Bürodienst, falls du das vergessen haben solltest.«
    »Ich weiss.« Sven-Eriks Stimme klang gequält. »Aber verdammt, Anna-Maria, das hier ist wirklich kein Normalfall. Schau dir die Sache doch wenigstens mal an. Die Technik wird bald fertig sein, dann können wir rein. Es geht um Viktor Strandgård, er liegt hier, und die Kirche sieht aus wie ein Schlachthof. Ich schätze, wir haben eine Stunde, dann wird jeder verdammte Fernsehsender mit Kameras und dem ganzen Scheiss hier antanzen.«
    »Ich bin in zwanzig Minuten bei dir.«
    Sieh mal an, dachte sie. Da ruft er mich doch wirklich an, um mich um Hilfe zu bitten. Er hat sich geändert.
    Sven-Erik gab keine Antwort, aber Anna-Maria hörte, wie er beherrscht, aber erleichtert aufatmete, ehe er das Gespräch beendete.
    Sie drehte sich zu Robert um und liess ihren Blick auf seinem schlafenden Gesicht ruhen. Seine Wange lag auf seinem Handrücken, und er hatte seine himbeerroten Lippen ein wenig geöffnet. Sie fand es unwiderstehlich sexy, dass sein struppiger Schnurrbart und seine Schläfen jetzt graue Sprenkel aufwiesen. Er selbst dagegen stand häufig besorgt vor dem Badezimmerspiegel und vertiefte sich in den Anblick seiner wachsenden Geheimratsecken.
    »Die Wüste breitet sich aus«, jammerte er dann immer.
    Sie küsste ihn auf den Mund. Ihr Bauch war im Weg, aber sie schaffte es doch. Zweimal.
    »Ich liebe dich«, beteuerte er, noch immer schlafend. Seine Hand kam vorsichtig unter der Decke zum Vorschein, um sie an sich zu ziehen, aber inzwischen sass sie bereits auf der Bettkante. Sie musste plötzlich entsetzlich dringend pinkeln. Das war wirklich eine nervtötende Sache, die ganze Zeit. In dieser Nacht war sie schon zweimal auf dem Klo gewesen.

    Eine Viertelstunde später stieg Anna-Maria auf dem Parkplatz vor der Kirche der Kraftquelle aus ihrem Ford Escort. Es war noch immer höllenkalt. Die Luft biss und kniff in ihre Wangen. Wenn sie durch den Mund atmete, schmerzten Hals und Lunge. Atmete sie durch die Nase, dann froren die Flimmerhärchen dabei aneinander fest. Sie wickelte ihren Schal so, dass er ihren Mund bedeckte, und schaute auf die Uhr. Höchstens eine halbe Stunde, sonst würde der Wagen nicht mehr anspringen. Es war ein grosser Parkplatz, der mindestens hundert Wagen Platz bot. Ihr blassroter Escort sah klein und jämmerlich aus, neben Sven-Erik Stålnackes Volvo 740. Neben dem Volvo stand ein Streifenwagen. Ansonsten war auf dem Parkplatz höchstens ein Dutzend verschneiter Autos zu sehen. Die Techniker waren offenbar schon wieder weg. Sie ging den schmalen Weg zur Kirche auf Sandstensberget hoch. Der Raureif lag wie Kristallstaub auf den Birken, und oben auf dem Berg ragte die mächtige Kristallkirche in den dunklen Nachthimmel, umgeben von Sternen und Planeten. Wie ein riesiger leuchtender Eiswürfel lag sie dort und funkelte mit dem Nordlicht um die Wette.
    Verdammter Protzkasten, dachte sie und mühte sich den Hang hoch. Diese stinkreiche Gemeinde sollte ihre Kohle lieber den SOS-Kinderdörfern geben. Aber bestimmt ist es witziger, in einer prachtvollen Kirche Gospel zu singen, als in Afrika Brunnen zu bohren.
    Aus der Ferne sah sie vor der Kirchentür ihren Kollegen Sven-Erik Stålnacke, den Assistenten Tommy Rantakyrö und den Inspektor Fred Olsson. Sven-Erik, wie immer barhäuptig, stand ganz still und leicht zurückgelehnt da und hatte die Hände in die wärmenden Taschen seiner Daunenjacke gebohrt. Die beiden jüngeren Männer neben ihm liefen wie eifrige junge Hunde aufgeregt hin und her. Sie konnte sie nicht hören, sah aber Rantakyrös und Olssons aufgeregte Reden wie weisse Blasen aus ihren Mündern quellen. Die jungen Hunde begrüssten sie mit glücklichem Gebell, als sie sie entdeckten.
    »Hallo«, kläffte Tommy Rantakyrö. »Wie geht’s denn?«
    »Mir geht’s gut«, rief sie freundlich zurück.
    »Jetzt kann man zuerst deinen Bauch begrüssen, und eine Viertelstunde später kommst du dann nach«, sagte Fred Olsson.
    Anna-Maria lachte.
    Sie erwiderte Sven-Eriks ernsten Blick. In seinem gewaltigen Walrossschnurrbart hatten sich bereits kleine Eiszapfen gebildet.
    »Danke, dass du gekommen bist«, sagte er. »Ich hoffe, du hast schon gefrühstückt, das hier ist nämlich nicht gerade appetitanregend. Gehen wir rein?«
    »Sollen wir auf euch warten?«
    Fred Olsson stapfte im Schnee hin und her. Sein Blick wanderte zwischen Sven-Erik und Anna-Maria hin und her. Sven­Erik sollte Anna-Maria vertreten, rein formal war er jetzt also der Chef. Aber da auch Anna-Maria hier war, war es nicht so leicht zu entscheiden, wer gerade das Sagen hatte.
    Anna-Maria hielt den Mund und schaute Sven-Erik an. Sie war nur zur Gesellschaft hier.
    »Es wäre nett, wenn ihr warten könntet«, sagte Sven-Erik. »Damit nicht plötzlich irgendwelche Unbefugten reinkommen, solange der Leichnam noch hier liegt. Aber ihr könnt ruhig in die Kirche gehen, wenn euch kalt ist.«
    »Nicht doch, Mann, wir können im Freien warten, ich wollte das nur wissen«, beteuerte Fred Olsson.
    »Genau«, sagte Tommy Rantakyrö grinsend und mit blauen Lippen. »Man ist schliesslich ein Kerl. Und Kerle frieren nicht.«
    Sven-Erik ging dicht hinter Anna-Maria her und zog die schwere Kirchentür hinter ihnen zu. Sie wanderten durch eine Art Garderobe, die im Halbdunkel zu schlummern schien. Lange Reihen leerer Kleiderbügel klirrten wie ein tonloses Glockenspiel im Luftstrom, mit dem die Kälte von draussen auf die Wärme im Haus stiess. Zwei Schwingtüren führten in die eigentliche Kirche. Sven-Erik wurde unwillkürlich leiser, als sie sie betraten.
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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 348
Erscheinungsdatum 06.12.2006
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-73600-3
Verlag btb
Maße (L/B/H) 18.5/11.8/3 cm
Gewicht 327 g
Originaltitel Solstorm
Auflage 3. Auflage
Übersetzer Gabriele Haefs
Verkaufsrang 30893
Buch (Taschenbuch)
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von einer Kundin/einem Kunden am 16.03.2016
Bewertet: anderes Format

Sehr sehr spannend und sehr weit im Norden...tolle Reihe!

von einer Kundin/einem Kunden am 16.03.2016
Bewertet: anderes Format

Sperrige Hauptfigur am Rand von sich selbst, im Bruch mit ihrer bisherigen Existenz, auf Spuren der Vergangenheit irgendwo im provinziellen schwedischen Grenzland + Krimi. Lesen!

von einer Kundin/einem Kunden am 16.03.2016
Bewertet: anderes Format

Asa Larsson steht für nordisch kühle Spannung wie kaum eine Andere.