Warenkorb
 

Uferwald / Kommissar Berndorf Bd.5

Roman

Kommissar Berndorf Band 5

Weitere Formate

Taschenbuch

Eine Leiche, ein geheimes Tagebuch und eine Spur, die in die Vergangenheit führt – Hochspannung made in Germany.

Ulm: In einer Wohnung der Gemeinnützigen Heimstätten wird eine ältere Frau tot, schon fast mumifiziert, aufgefunden. Ein Routinefall, scheint es. Charlotte Gossler ist eines natürlichen Todes gestorben, wurde nur viel zu lange von keinem vermisst. Doch dann stösst Kommissar Kuttler auf ein Tagebuch ihres Sohnes, der vor Jahren bei einem Unfall mit Fahrerflucht ums Leben kam, und der Fall nimmt eine unerwartete Wendung …

Portrait
Ulrich Ritzel, geboren 1940, aufgewachsen auf der Schwäbischen Alb, arbeitete mehr als drei Jahrzehnte als Journalist und wurde 1980 mit dem Wächterpreis der deutschen Tagespresse ausgezeichnet. Mit dem Roman „Der Schatten des Schwans“ debütierte er 1999 als freier Autor. Aus der Reihe seiner Romane um den Kommissar Berndorf erhielten „Schwemmholz“ und „Beifang“ den Deutschen Krimi-Preis, „Der Hund des Propheten“ den Preis der Burgdorfer Krimi-Tage. Ulrich Ritzel lebt mit seiner Ehefrau Susanne und seinen beiden Hunden seit 2008 in der Schweiz.

… weiterlesen
  • Artikelbild-0
  • Schere, Stein, Papier
    Die Fensterl¿n waren vorgelegt, das Fenster stand offen. Ein Radio lief, kaum h¿rbar, die gr¿nen Lichtpunkte des Monitors flimmerten im Halbdunkel. Sonst brannte kein Licht. Tags¿ber drang ein Widerschein der roten Farbe, mit der die Fensterl¿n gestrichen waren, ins Zimmer. Einer der Fensterfl¿gel war durch ein Buch festgehalten, das zwischen Rahmen und Kante klemmte. Der andere Fl¿gel schwang auf und wieder zur¿ck, wenn ein Windsto¿an den Fensterl¿n r¿ttelte. Fr¿h am Morgen h¿rte man, wie der Berufsverkehr auf dem Autobahnzubringer einsetzte, ein gleichm¿ges Rauschen, das erst am sp¿n Abend wieder abebbte.
    Oben an der Kante der Fensterlaibung schlossen die L¿n nicht ganz, so dass bei Sonnenschein ein schmaler Lichtstreifen ins Zimmer fiel. Er zeigte sich, wenn die Sonne ¿ber den Michelsberg hochgestiegen war, und wanderte dann allm¿ich durch das Zimmer nach links. Am sp¿n Vormittag erreichte er den Schreibtisch und die Fotografie, die dort in einem Holzrahmen aufgestellt war, so dass das Bild einen trapezf¿rmigen Schatten auf das helle Eschenholz der Schreibtischplatte warf. Am fr¿hen Nachmittag ber¿hrte der Lichtstreifen das Tastentelefon, auf dem seit einem Samstagnachmittag im Juni das rote Signal des Anrufbeantworters blinkte. Zuletzt fiel das Licht auf ein halbhohes Gebilde aus Kabeln und Dr¿en, das einen Autoscheinwerfer trug wie ein einzelnes herausgerissenes Auge.
    Es war ein hei¿r Sommer, und im Juli gab es einige heftige Gewitter. Bei einem hatte sich der rechte Fensterfl¿gel aus seiner provisorischen Verankerung gerissen. Das Buch, das man dazu ben¿tzt hatte, lag seither aufgebl¿ert auf dem Boden. Damals war auch die Fotografie umgest¿rzt, und aus der obersten Ablage waren einzelne Bl¿er ins Zimmer gewirbelt worden. Im August erschien der Lichtstreifen etwas sp¿r und wanderte tiefer ins Zimmer hinein, so dass er auch die Hand erreichte, die auf der Schreibtischplatte lag und bei der die Fingern¿l inzwischen deutlich aus dem Nagelbett hervorgetreten waren. Es sah aus, als seien sie gewachsen, aber es ist ein Volksm¿hen, dass sie das tun.
    Nach dem Anruf im Juni hatte das Telefon noch einige Male gel¿et, aber niemand hatte mehr auf den Anrufbeantworter gesprochen. Im Juli hatte es einmal an der Wohnungst¿r geklingelt, es waren Adventisten auf Hausmission. Einige Tage sp¿r hatten zwei Schulm¿hen, die auf dem Sperrm¿ll eine verrostete Spendenb¿chse des Roten Kreuzes gefunden hatten und damit die Wohnblocks abklapperten, Sturm gel¿et. Danach blieb es lange ruhig, bis Anfang September der T¿rke Murad In¿n¿, der im Erdgeschoss eine ¿derungsschneiderei betrieb, klingelte. Er wartete eine Weile vor der Wohnungst¿r, dann stieg er wieder die Treppen hinunter und rief nach seiner zw¿lfj¿igen Tochter Fatima, die ihm auch sonst seine Briefe aufsetzte, wenn die Gewerbeaufsicht etwas von ihm wollte oder die Berufsgenossenschaft.
    Der Oktober war warm und sonnig. In der zweiten Monatsh¿te setzte F¿hn ein, im S¿den sah man die Alpen als blassblaues, gezacktes Band. In der neuen Naturbau-Siedlung Eschental ¿berlegte Harald Treutlein, ob er sp¿r das Rennrad nehmen und eine Zwanzig-Kilometer-Runde ¿bers Hochstr¿und durch das Blautal zur¿ck drehen sollte, so viele sch¿ne Tage w¿rde es nicht mehr geben. Einstweilen hatte er noch immer den orange-farbenen Anorak in der Hand, den Johannes auf gar keinen Fall anziehen wollte, w¿end Mona ¿ bereits f¿r das Rad eingepackt ¿ das wohlerzogene Gesicht aufsetzte, mit dem sie den Kraftproben zwischen ihrem Bruder und ihrem Vater zusah.
    ¿Wenn du den Anorak nicht anziehst und krank wirst, k¿nnen wir heute Nachmittag nicht ins H¿lzle.¿
    Im H¿lzle hatte die Elterninitiative einen Abenteuerspielplatz angelegt, aber das Argument war trotzdem schwach, weil man niemandem, auch keinem f¿nfj¿igen Kind, einen Zusammenhang zwischen dem Anorak am Morgen und dem Spielplatz am Nachmittag einreden kann.
    ¿Wir verhandeln hier erst gar nicht¿, ert¿nte von oben die energische und ein wenig scharfe Stimme von Isolde. Dann kamen ihre F¿¿, die in gut gearbeiteten Lederstiefeletten steckten, die Treppe herab, und gleich darauf die ganze Person, die klein und kompakt war, Aktentasche in der einen, Autoschl¿ssel in der anderen Hand.
    Mit Isoldes Auftreten war der Fall entschieden. Johannes schl¿pfte gehorsam in seinen Anorak, Mona zog entt¿cht eine Schnute, und Harald wandte sich zur Garage, um das Fahrrad mit den beiden Kindersitzen auf die bekieste Einfahrt zu schieben.
    ¿Ach Schatz!¿, h¿rte er Isolde in seinem R¿cken, ¿holst du mir meinen Kamelhaarmantel vom Schneider? Du wei¿ doch, der T¿rke auf dem Michelsberg¿¿
    Harald verzog das Gesicht.
    ¿Der Zettel liegt auf der Kommode unterm Garderobenspiegel.¿

    Im Verwaltungsgeb¿e der Gemeinn¿tzigen Heimst¿en sa¿Luzie Haltermann am Besprechungstisch ihres Dienstzimmers dem Personalrat Hundsecker gegen¿ber und betrachtete etwas ratlos den Schreibblock, den sie sonst f¿r ihre Notizen benutzte.
    ¿Bitte¿, sagte Hundsecker und beugte sich ¿ber den Tisch, ¿keine Notizen! Ein vertrauliches Gespr¿, verstehen Sie? Es geht ja auch nicht um Kritik an Ihrem F¿hrungsstil, in keinster Weise¿¿
    Luzie Haltermann sah ¿ber Hundsecker hinweg auf das Bild an der Seitenwand ihres B¿ros. Es war eine Leihgabe aus dem Depot des St¿ischen Museums und zeigte eine Winterlandschaft, kahle B¿e s¿ten eine Stra¿, die sich am Horizont verlor. Immer noch redete Hundsecker, Luzie verstand nicht genau, was er eigentlich wollte. Die Wortgirlanden tasteten sich an den Begriff der sozialen K¿e heran, an die Probleme einer alleinerziehenden Mutter, allm¿ich begriff sie.
    ¿Das ist aber nett¿, unterbrach sie den Personalrat, ¿dass Sie die Probleme alleinerziehender M¿tter ansprechen¿ Denken Sie da vielleicht an die M¿tter, in deren Wohnungen die tropfenden Wasserh¿e nicht gerichtet werden und die kaputten Jalousien auch nicht, weil alle Auftr¿ im Schreibtisch einer bestimmten ¿berforderten Arbeitskraft hier im Hause liegen bleiben?¿
    ¿¿erfordert!¿, echote Hundsecker, ¿das ist ein Wort, das so leichthin gesagt wird, was hei¿ das schon? Vielleicht stimmt da im Organisationsplan etwas nicht, und wenn es so ist, dann m¿ssen wir dar¿ber reden¿¿

    Harald Treutlein hatte Johannes und Mona im Freien Kindergarten abgeliefert und noch kurz mit der blonden Mutter von Monas Freundin Rebecca ¿ber die Demonstration gesprochen, mit der die B¿rgerinitiative Eschental in den n¿sten Tagen den Leuten im Stadtplanungsamt ¿d¿ Henna rein tun¿ w¿rde, wie er sich ausdr¿ckte. Die Blonde hatte ihn etwas verst¿nislos angestarrt, zu sp¿war ihm eingefallen, dass sie aus Norddeutschland stammte, und so hatte er eilends ein schw¿liches: ¿Die Flausen werden wir ihnen schon noch austreiben¿¿ nachgeschoben. Die Blonde war in dieser Woche als Hilfe eingeteilt. Ohne die Mitarbeit der Eltern w¿n die Beitr¿ nicht zu halten. Harald zum Beispiel hatte in den Ferien den neuen Fu¿oden selbst verlegt, er hatte das absolut fachm¿isch gemacht, nicht einmal das st¿ische Bauamt ¿ das ihnen sonst gerne jeden Kn¿ppel in den Weg warf, der aufzutreiben war ¿ hatte etwas zu beanstanden gehabt. Jetzt fuhr er von der Au ¿ber den Michelsberg zur¿ck, er kannte den Weg gut, es wunderte ihn nur, wie l¿ig er die Steigung hochfuhr, er musste nicht einmal aus dem Sattel. Fr¿her hatte er sp¿stens an der zweiten Querstra¿ in den Wiegetritt wechseln m¿ssen.
    Dann lag auch schon die Steige hinter ihm, er rollte an den Villen vorbei, von denen einige in den letzten Jahren aufwendig renoviert worden waren, schlie¿ich war das hier eine begehrte Wohnlage. Der graubraune Wohnblock mit den abbl¿ernden roten Fensterl¿n freilich sah nicht so aus, als sei dort in den letzten Jahren auch nur ein Cent investiert worden, und der Apfelbaum streckte seine kahlen Zweige so hilflos ¿ber den vertrockneten Rasen wie eh und je. Merkw¿rdig, ein Haus zu sehen, in dem jemand gelebt hatte, den man fr¿her ganz gut kannte, mit dem man sogar befreundet war.
    Er stieg ab, schob das Rad zu dem ¿berdachten Fahrradst¿er neben den M¿lltonnen und schloss es sorgf¿ig ab, mit zwei Stahlseilen. Ohne es eigentlich zu wollen, warf er einen Blick auf die Schilder der Klingeltafel. Unver¿ert, mit dem immer gleichen altmodischen Schriftzug, stand der Name ¿Gossler¿ an seiner alten Stelle.
    Die ¿derungsschneiderei In¿n¿ lag im Erdgeschoss. Es roch nach B¿geldampf, an einer Deckenschiene hingen Anz¿ge, M¿el, Kleider, an einer N¿aschine sa¿ein grauhaariger Mann. Eine geb¿ckte Frau mit Kopftuch brachte Isoldes Mantel, dessen Seitentaschen eingerissen gewesen waren. Offenbar hatte Isolde noch anderes ¿ern und S¿e herausnehmen lassen, die Frau mit Kopftuch zeigte die ¿derungen vor und erkl¿e sie. Harald verstand zwar nichts, nahm aber an, dass alles in Ordnung war, und fand den Preis von 25 Euro ¿praktisch geschenkt¿, wie er sp¿r Isolde sagen w¿rde.
    Er zahlte, verstaute den Mantel in seinem Rucksack und wandte sich zum Gehen.
    Dann blieb er noch einmal stehen. ¿Ach, sagen Sie ¿ wie geht es denn der Frau Gossler? Wissen Sie, die Dame im vierten Stock¿?¿

    Luzie lehnte sich in ihrem Schreibtischstuhl zur¿ck, schloss f¿r einen Moment die Augen und massierte sich die Schl¿n. Das Gespr¿ mit Personalrat Hundsecker war doch noch recht unerquicklich geworden, und ihr Vorschlag, dass sie gemeinsam den Schreibtisch der krank gemeldeten Sachbearbeiterin und alleinerziehenden Mutter Gudrun Fudel in Augenschein nehmen sollten, war von ihm emp¿rt zur¿ckgewiesen worden.
    Das Telefon klingelte, Luzie meldete sich, ein Herr Harald Treutlein sei am Apparat, sagte die Sekret¿n, und lasse sich nicht abwimmeln.
    Seufzend nahm Luzie das Gespr¿ an.
    ¿Juffy, was willst du?¿
    ¿Das ist ein ziemliches Geschiss, bis man dich am Apparat hat¿, h¿rte sie Treutleins Stimme sagen, die wie immer ein wenig zu munter klang. ¿Bist du so wichtig geworden?¿
    Es lag Luzie auf der Zunge, etwas ¿ber die Arbeit im Allgemeinen und die von Hausm¿ern im Besonderen zu sagen. Aber sie war heute schon in genug Fettn¿chen getreten.
    ¿Du erinnerst dich doch an die alte Frau Gossler?¿, fuhr Harald fort. ¿An Tilmans Mutter?¿
    Ja doch, dachte Luzie. Nat¿rlich erinnere ich mich.
    ¿Ich wei¿nicht, ob du es wei¿ ¿ aber sie wohnt noch immer in eurem Block auf dem Michelsberg. Nur hat man sie dort seit Monaten nicht mehr gesehen¿, fuhr Treutlein fort. ¿Die ¿brigen Mieter hat das wohl nicht weiter gek¿mmert, nur den t¿rkischen ¿derungsschneider aus dem Erdgeschoss, er hat seine Tochter einen Brief an die Hausverwaltung schreiben lassen, also an euch, und wei¿ du, was passiert ist?¿
    ¿Ich ahne es¿, antwortete Luzie m¿de. ¿Nichts ist passiert, und die Tochter des t¿rkischen Schneiders hat auch keine Antwort bekommen, nicht wahr?¿
    ¿Aber du hast den Brief?¿
    ¿Nein¿, sagte Luzie, ¿ich habe den Brief nicht, aber ich kann mir denken, wo er ist. Wir haben hier n¿ich ein kleines Problem mit dem Organisationsplan, verstehst du? Aber der Personalrat wird dar¿ber nachdenken, und dann wird alles gut.¿
    ¿Ich kann dir gerade nicht ganz folgen.¿
    ¿Macht nichts. Aber ich schicke sofort jemand hin, der nach der Wohnung sieht.¿
    ¿Und nach der Frau¿, hakte Treutlein ein. ¿Wei¿ du, ich habe immer gedacht, wir h¿en¿¿
    ¿Sicher¿, unterbrach ihn Luzie. ¿Wir h¿en. Immer gibt es etwas, was man h¿e tun sollen. Aber du hast ja jetzt angerufen, und ich denke, dass ich keine Zeit verlieren sollte. Gru¿an Isolde!¿
    Und damit war das Gespr¿ zu Ende.
    In seiner Wohnung legte Harald Treutlein den H¿rer auf. Der guten Luzie ist ihr Job ein bisschen zu Kopf gestiegen, dachte er.

    Auf Gleis 1 des Hauptbahnhofs schlossen sich die T¿ren des ICE, fast unmerklich setzte sich der Zug in Bewegung, Kriminalkommissarin Tamar Wegenast, eine gro¿gewachsene, schlanke Frau, hob den Arm und winkte. Sie war noch jung und trug langes, dunkles, hochgestecktes Haar.
    ¿Und du glaubst wirklich, dass der jetzt weg ist?¿, fragte der Mann neben ihr. Tamars Kollege Markus Kuttler war kleiner als sie und hatte ein Gesicht, das sich niemand merken konnte. ¿Einfach weg und nicht mehr da?¿
    ¿Kuttler, halt¿s Maul¿, antwortete Tamar und winkte weiter.
    Ein Mobiltelefon klingelte. Der Zug verschwand in der Kurve, die ostw¿s am Michelsberg vorbeif¿hrt.
    Tamar trat zwei oder drei Schritte zur¿ck, in den Schutz einer Plakatwand. Noch im Gehen holte sie das Handy aus der Tasche ihres Jacketts. W¿end sie zuh¿rte, verzog sie ein wenig das Gesicht. Kuttler betrachtete die Plakatwand, sie zeigte eine frei im Raum stehende Skulptur aus Metall, oder genauer: aus Schrott, und k¿ndigte eine Ausstellung freier oberschw¿scher K¿nstler an.
    ¿Wir k¿mmern uns drum¿, sagte Tamar schlie¿ich, stellte das Handy ab und wandte sich an Kuttler. ¿Eine Leichensache, oben auf dem Michelsberg. Du oder ich?¿
    ¿Wie ¿blich¿, antwortete Kuttler und hob die Hand. Eigentlich ist das keine gute Idee, dachte er dann. Bisher hatte er bei Schere-Stein-Papier noch jedes Mal verloren. Besonders gern bei Leichensachen. Im Herbst zum Beispiel, wenn die Pilzesammler finden, was sie nicht gesucht haben. Das letzte Mal war es ein Junkie gewesen, in einem Austragshaus auf der Alb, schon drei Wochen tot, Tamar hatte Schere genommen und er dummerweise Papier. Also wird sie denken, dachte Kuttler, ich werde denken, dass sie das nicht schon wieder tun wird, also wird sie wieder Schere nehmen, und ich gewinne mit Stein¿
    Aber Tamar hatte Papier genommen.
    ¿Ich hasse dich¿, sagte Kuttler.
    ¿Es ist eine alte Frau¿, teilte ihm Tamar mit. ¿Offenbar die getrocknete Variante. Also mach kein Gesicht.¿
    Charlotte Gossler war 1936 geboren und hatte ¿ nach dem Passfoto zu schlie¿n ¿ ein schmales Gesicht mit einer spitzen Nase gehabt. Als das Foto entstand, war sie noch nicht grau gewesen oder hatte sich das Haar t¿nen lassen, und trug eine Dauerwelle.
    Den Reisepass hatte Kuttler in dem Sekret¿gefunden, der in dem kleinen Wohnzimmer mit der blauen Sesselgarnitur stand. Auch im Wohnzimmer waren die L¿n vorgelegt. Der Sekret¿war aus lackiertem hellem Holz, mit zierlichen Messingbeschl¿n auf den einzelnen F¿ern. In dem Fach mit dem Reisepass befanden sich au¿rdem Kontoausz¿ge, die bis zum April dieses Jahres datiert waren, die Rentenbescheide der letzten Jahre, ferner eine Urkunde der Industrie- und Handelskammer, mit der die Sekret¿n Charlotte Gossler f¿r ihre 30j¿ige Betriebszugeh¿rigkeit geehrt wurde, und schlie¿ich ein Vertrag mit einem Bestattungsunternehmer, an den eine Art Scheckkarte geheftet war.
    Kuttler zog ein zweites Fach auf, die Schublade ging ziemlich schwer und war bis obenhin mit Fotoalben voll gepackt. Er schlug eines davon auf, die Fotos zeigten fast ausnahmslos nur ein Motiv: einen jungen Mann mit schmalem, etwas sp¿ttischem Gesicht, einmal auf dem Fahrrad, dann wieder bei einem Badeurlaub, lesend oder Schach spielend. Ein Foto schien im Sp¿erbst oder Winter aufgenommen worden zu sein, der junge Mann schob einen Rollstuhl mit einem k¿mmerlichen Menschen, der aus breiten Zahnl¿cken in die Kamera griente. Andere Aufnahmen zeigten ihn mit Gleichaltrigen, auch M¿hen darunter, aber im Vergleich zu ihnen allen wirkte er schm¿tig und sah aus wie der Junge, der beim V¿lkerball als Letzter in die Mannschaft geholt wird.
    Kuttler legte das Album zur¿ck und nahm ein zweites heraus, wieder der junge Mann, diesmal deutlich j¿nger, halb ein Kind, einmal in einem dunklen Konfirmationsanzug, mit einer wei¿n Nelke im Knopfloch. Auch dieses Album legte Kuttler zur¿ck und wollte schon die Schublade schlie¿n, als er pl¿tzlich ¿ ohne recht zu ¿berlegen, warum ¿ innehielt und den ganzen Stapel herausnahm.
    Ganz unten in der Schublade, in einer blau get¿nten Klarsichtfolie, lag eine Todesurkunde. Er nahm sie heraus, sie war ausgestellt auf Tilman Lukas Gossler, geboren am 5. Juni 1975, gestorben am 1. Januar 1999.
    Kuttler verzog das Gesicht. Er war selbst Jahrgang 1975, aber was hatte ihn das zu st¿ren? Ihn besch¿igte etwas anderes. Der Hausmeister hatte die Leiche nicht etwa hier gefunden oder im Schlafzimmer, sondern im Zimmer nebenan. Es war das Zimmer eines jungen Mannes, vermutlich eines Studenten, f¿r einen Augenblick hatte Kuttler gedacht, es k¿nnte das Zimmer eines Untermieters sein, und das w¿ ein doch etwas merkw¿rdiger Fundort gewesen. Aber jetzt sah das anders aus.
    Er erhob sich und ging in die K¿che. In der Sp¿le stand eine Tasse mit einem angetrockneten Bodensatz, der Teebeutel lag noch auf der Untertasse. Es war ein Hagebuttentee gewesen, so stand es auf dem kleinen Papierschild am Ende des Fadens, der den Beutel hielt. Kein Teller, kein Besteck. Im Abfalleimer gr¿nlich-wei¿r Schimmel, Kuttler zog einen Plastikhandschuh ¿ber die rechte Hand und durchsuchte den Abfall. Es waren keine Tablettenschachteln darunter, und so ging er ins Bad. In einem Fach des Toilettenschranks entdeckte er einen Nassrasierer und eine gebrauchte, v¿llig eingetrocknete Tube Rasiercreme. Ein anderes Fach hatte als Hausapotheke gedient; neben Venensalben, Korodintropfen zur Herzst¿ung und gew¿hnlichen Kopfschmerztabletten fand Kuttler darin ein Flakon mit Johanniskrautpastillen, dazu eines der st¿eren Schlafmittel und ein Antidepressivum. Alle Packungen waren angebrochen, aber nicht leer.
    Kuttler zuckte die Schultern. Kovacz w¿rde schon herausfinden, woran die alte Dame gestorben war. Schlimmer war, dass er noch immer keine Adresse eines Angeh¿rigen gefunden hatte. Widerstrebend ging er noch einmal in das Zimmer, in dem man die Leiche gefunden und vor einer knappen halben Stunde abgeholt hatte.
    Er schaltete das Oberlicht ein. Eine Schlafcouch mit einer rotwei¿gemusterten indianischen Decke dar¿ber. Ein Schwarzwei¿oster zeigte einen abgerissenen zahnlosen alten Mann. Ein Clochard? Aber einer mit einem Schreibblock in der Hand. Der Schreibtisch. Das Radio, das noch immer lief. Fast k¿rperlich sp¿rte Kuttler Unbehagen. Schlimm war nicht der Geruch. Er hatte das Gef¿hl, dieses Zimmer erwarte jeden Augenblick die R¿ckkehr des rechtm¿gen Bewohners, als sei dieser nur eben Zigaretten holen gegangen.
    Noch immer blinkte der Anrufbeantworter. Er ging zum Schreibtisch und dr¿ckte auf die Abspieltaste.

In den Warenkorb

Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 378
Erscheinungsdatum 10.04.2007
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-73667-6
Reihe Berndorf ermittelt 5
Verlag btb
Maße (L/B/H) 18.9/11.8/2.6 cm
Gewicht 317 g
Verkaufsrang 93078
Buch (Taschenbuch)
Buch (Taschenbuch)
Fr. 13.90
Fr. 13.90
inkl. gesetzl. MwSt.
inkl. gesetzl. MwSt.
zzgl. Versandkosten
Versandfertig innert 1 - 2 Werktagen,  Kostenlose Lieferung ab Fr.  30 i
Versandfertig innert 1 - 2 Werktagen
Kostenlose Lieferung ab Fr.  30 i
In den Warenkorb
Vielen Dank für Ihr Feedback!
Entschuldigung, beim Absenden Ihres Feedbacks ist ein Fehler passiert. Bitte versuchen Sie es erneut.
Ihr Feedback zur Seite
Haben Sie alle relevanten Informationen erhalten?

Weitere Bände von Kommissar Berndorf mehr

  • Band 1

    1537363
    Der Schatten des Schwans / Kommissar Berndorf Bd.1
    von Ulrich Ritzel
    (3)
    Buch
    Fr.14.90
  • Band 2

    1536842
    Schwemmholz / Kommissar Berndorf Bd.2
    von Ulrich Ritzel
    Buch
    Fr.14.90
  • Band 3

    3840215
    Die schwarzen Ränder der Glut / Kommissar Berndorf Bd.3
    von Ulrich Ritzel
    (2)
    Buch
    Fr.13.90
  • Band 4

    6373213
    Der Hund des Propheten / Kommissar Berndorf Bd.4
    von Ulrich Ritzel
    (2)
    Buch
    Fr.13.90
  • Band 5

    14255035
    Uferwald / Kommissar Berndorf Bd.5
    von Ulrich Ritzel
    (1)
    Buch
    Fr.13.90
    Sie befinden sich hier
  • Band 6

    16345952
    Forellenquintett / Kommissar Berndorf Bd.6
    von Ulrich Ritzel
    (5)
    Buch
    Fr.14.90
  • Band 8

    33790504
    Schlangenkopf / Kommissar Berndorf Bd.8
    von Ulrich Ritzel
    (4)
    Buch
    Fr.14.90

Kundenbewertungen

Durchschnitt
1 Bewertungen
Übersicht
0
0
1
0
0

Gute Story, aber leider etwas zu langatmig
von einer Kundin/einem Kunden aus München am 09.05.2007

Die Idee zu diesem Buch ist gut, allerdings wirkt die Story streckenweise konstruiert. - es gibt zu viele unglaubliche Zufälle. Auch etwas langatmig - hier wäre manchmal weniger mehr gewesen. Spannung fehlt meist, eher eine nette Geschichte, als ein Krimi. Daher leider nur drei Punkte. Trotzdem habe ich das Buch zu Ende gelesen,... Die Idee zu diesem Buch ist gut, allerdings wirkt die Story streckenweise konstruiert. - es gibt zu viele unglaubliche Zufälle. Auch etwas langatmig - hier wäre manchmal weniger mehr gewesen. Spannung fehlt meist, eher eine nette Geschichte, als ein Krimi. Daher leider nur drei Punkte. Trotzdem habe ich das Buch zu Ende gelesen, die Figuren darin sind gut beschrieben, der Kommissar eine "eigene Type", aber sympathisch. Auch kommt das 'Provinzielle' gut rüber.