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Wohlstand und Armut der Nationen

Warum die einen reich und die anderen arm sind

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Das Standardwerk zur Wirtschaftsgeschichte

Kaum eine Frage ist umstrittener und stärker mit Ideologie befrachtet als die, warum manche Länder wirtschaftlich äusserst erfolgreich sind, während andere unfähig scheinen, aus ihrer Armut herauszufinden. Liegt es am Klima? An der Kultur? An der Politik? In seiner umfassenden Geschichte über die Weltwirtschaft der letzten sechshundert Jahre entwickelt David Landes Antworten auf diese Fragen und bietet zugleich ein Standardwerk zur Geschichte der Weltwirtschaft.

Portrait
Landes, David
David Landes, geboren 1924 in New York, ist einer der führenden amerikanischen Wirtschaftshistoriker. Er lehrte bis zu seiner Emeritierung an der Harvard University. Zu seinen grossen Werken zählen »Der entfesselte Prometheus« (deutsch 1973) und »Revolution in Time: Clocks and the Making of a Modern World« (1983). Mit seinem 1999 bei Siedler erschienenen Buch "Wohlstand und Armut der Nationen" löste Landes eine Debatte aus, die weit über die Grenzen seines Fachs hinausging. 2006 erschien von ihm bei Siedler »Die Macht der Familie. Wirtschaftsdynastien in der Weltgeschichte«.
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  • Im Juni des Jahres 1836 fuhr Nathan Rothschild von London nach Frankfurt, um an der Hochzeit seines Sohnes Lionel mit seiner Nichte (Lionels Kusine Charlotte) teilzunehmen und mit seinen Brüdern über den Eintritt seiner Kinder in das Familienunternehmen zu reden. Nathan war vermutlich der reichste Mann der Welt, jedenfalls was flüssige Mittel anging. Unnötig anzumerken, dass er sich alles leisten konnte, wonach ihm der Sinn stand.
    Der damals neunundfünfzigjährige Nathan war im allgemeinen bei guter Gesundheit - wenn auch ein bisschen beleibt -, ein Energiebündel von unermüdlichem Arbeitseifer und unbezähmbarem Temperament. Als er London verliess, litt er indes an einer Entzündung am unteren Rücken, nahe dem Ende der Wirbelsäule. (Ein deutscher Arzt diagnostizierte ein Furunkel, aber es könnte sich auch um einen Abszess gehandelt haben.)2 Trotz medizinischer Behandlung eiterte das Geschwür und wurde schmerzhaft, was Nathan jedoch nicht hinderte, von seinem Krankenbett aufzustehen und an der Hochzeit teilzunehmen. Wäre er im Bett geblieben, hätte man die Hochzeit im Hotel gefeiert. Auch seinen Geschäften widmete er sich weiterhin, wobei er seiner Frau diktierte. Mittlerweile hatte man den grossen Dr. Travers von London herbeizitiert, und als dieser das Problem nicht lösen konnte, zog man einen führenden deutschen Chirurgen hinzu, vermutlich um die Wunde zu öffnen und zu säubern. Nichts half; das Gift breitete sich aus, und am 28. Juli 1836 starb Nathan. Es wird erzählt, dass die Taubenpost der Rothschilds die Nachricht nach London brachte: II est mort.
    Nathan Rothschild starb wahrscheinlich an einer durch Staphylokokken oder Streptokokken verursachten Sepsis - früher sprach man von Blutvergiftung. Mangels näherer Informationen können wir nicht sagen, ob das Furunkel (Abszess) ihn umbrachte oder eine sekundäre Infektion durch die Skalpelle der Chirurgen. Die Keimtheorie gab es damals noch nicht und dementsprechend auch keine Vorstellung davon, wie wichtig Sauberkeit ist. Antibakterielle Mittel waren ebenfalls unbekannt, ganz zu schweigen von Antibiotika. Und so starb der Mann, der sich alles kaufen konnte, an einer Allerweltsinfektion, die sich heutzutage ohne Mühe heilen lässt, sofern man sich nicht scheut, einen Arzt, ein Krankenhaus oder auch nur eine Apotheke aufzusuchen.
    Die Medizin hat seit den Zeiten von Nathan Rothschild enorme Fortschritte gemacht. Aber eine bessere, wirksamere medizinische Versorgung - die Behandlung von Krankheiten und die Heilung von Verletzungen - erklärt die Veränderungen nur zum Teil. In einem beträchtlichen Masse hat die höhere Lebenserwartung unserer Tage in einer verstärkten Vorbeugung ihren Grund und verdankt sich eher unserem reinlicheren Leben als der verbesserten Medizin. Sauberes Wasser und rasche Abfallbeseitigung, ausserdem Fortschritte in der persönlichen Hygiene - darauf kommt es entscheidend an. Lange Zeit waren Magen-Darm-Infektionen der grosse Todbringer; die Keime gelangten von Abfällen auf die Hände und von dort über Nahrungsmittel in den Verdauungstrakt. Und dieser unsichtbare, aber tödliche Feind, der stets gegenwärtig war, wurde von Zeit zu Zeit noch unterstützt durch epidemisch auftretende Mikroben wie den Vibrio-Bazillus der Cholera. Die beste Gelegenheit zur Übertragung bot der gemeinsame Abort, wo der Kontakt mit Unrat dadurch begünstigt wurde, dass es kein Toilettenpapier und keine waschbare Unterkleidung gab. Wer in ungewaschenem Wollzeug lebt - und Wollzeug wäscht sich nicht gut -, leidet an Juckreiz und kratzt sich. Die Hände waren also verschmutzt, und das grosse Versäumnis bestand darin, dass man sie vor dem Essen nicht wusch. Aus diesem Grund lagen die Krankheits- und Todesraten bei religiösen Gruppen wie den Juden oder den Muslimen, die Waschungen vorschrieben, niedriger. Dies gereichte ihnen allerdings nicht immer zum Vorteil, da die Menschen sich leicht einreden liessen, dass die Juden weniger zahlreich starben, weil sie die Brunnen der Christen vergifteten.
    Die Lösung für das Problem lieferten nicht veränderte Glaubensvorstellungen oder religiöse Lehren, sondern der industrielle Fortschritt. Das Hauptprodukt der neuen technischen Entwicklung, die wir als Industrielle Revolution bezeichnen, war billige, leicht waschbare Baumwolle - und zusammen mit ihr Seife, die in Massenproduktion aus pflanzlichen Ölen hergestellt wurde. Zum ersten Mal konnten sich die einfachen Leute Unterkleidung leisten, Leibwäsche, wie man damals sagte, weil dies der waschbare Textilstoff war, den die Wohlhabenden direkt auf der Haut trugen. Jedermann (und jede Frau) konnte sich mit Seife waschen und sogar baden, auch wenn man sich durch zu häufiges Baden dem Verdacht aussetzte, schmutzig zu sein. Ein sauberer Mensch hatte es schliesslich nicht nötig, sich so oft zu waschen! Aber das nur nebenbei. Die Hygiene des einzelnen wandelte sich nachdrücklich, so dass im ausgehenden neunzehnten und im beginnenden zwanzigsten Jahrhundert gewöhnliche Menschen oft reinlicher lebten als ein Jahrhundert früher Könige und Königinnen.
    Das dritte Element, das beim Rückgang von Krankheit und frühem Tod eine Rolle spielte, war eine bessere Ernährung. Die war in grossem Masse einer reichlicheren Versorgung mit Lebensmitteln zu verdanken und mehr noch verbesserten, beschleunigten Transportmöglichkeiten. Hungersnöte, oft das Ergebnis lokaler Engpässe, wurden seltener; die Nahrung gewann an Vielfalt und wurde reicher an tierischen Proteinen. Die Veränderungen schlugen sich unter anderem in einem grösseren und robusteren Körperbau nieder. Da sie jedoch in erster Linie eine Frage der Gewohnheit und des Geschmacks wie auch des Einkommens waren, vollzogen sie sich weit langsamer als die genannten medizinischen und hygienischen Neuerungen, die 15 sich von Staats wegen durchsetzen liessen. Noch im Ersten Weltkrieg staunten die Türken, die gegen das britische Expeditionskorps bei Gallipoli kämpften, über den Grössenunterschied zwischen den mit Steaks und Lammfleisch grossgezogenen Soldaten aus Neuseeland und Australien und den verkümmerten Jugendlichen aus britischen Industriestädten. Und wer sich Gruppen anschaut, die aus armen Ländern in reiche eingewandert sind, wird feststellen, dass die Kinder grösser und besser gewachsen sind als ihre Eltern.
    Dank dieser Fortschritte hat sich die Lebenserwartung drastisch erhöht, während die Kluft zwischen Arm und Reich schmaler geworden ist. Die Haupttodesursachen bei Erwachsenen sind nicht mehr Infektionen, und hier besonders Infektionen des Magen-Darm-Trakts, sondern die Verfallserscheinungen hohen Alters. In den reichen Industrienationen mit ihrer medizinischen Versorgung für jedermann sind die Fortschritte am grössten, aber selbst einige ärmere Länder haben eindrucksvolle Erfolge vorzuweisen.
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Beschreibung

Produktdetails

Einband Paperback
Seitenzahl 683
Erscheinungsdatum 01.12.2009
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-570-55102-8
Verlag Pantheon
Maße (L/B/H) 21.7/13.6/4.5 cm
Gewicht 704 g
Originaltitel The Wealth and Poverty of Nations: Why Some Are So Rich and Some So Poor
Auflage 3. Auflage
Übersetzer Ulrich Enderwitz, Monika Noll, Rolf Schubert
Verkaufsrang 22660
Buch (Paperback)
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von einer Kundin/einem Kunden am 24.06.2018
Bewertet: anderes Format

Welche Faktoren ausschlaggebend waren warum gerade Europa zu einem führenden Wirtschaftsraum wurde. Gelungener Einblick in die Wirtschaftsgeschichte.

"Glückstreffer der Wirtschaftsgeschichtsschreibung"
von Tom Kratzsch am 13.02.2012

so das Fazit der ZEIT. Zu Recht! Landes beschreibt nicht nur die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung verschiedener Regionen der Welt (beispielsweise der Chinas), sondern benennt auch stichhaltig Ursachen für diese. Er zeigt auf, wie wichtig etwa die Kultur bei der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes/ einer Region ist. F... so das Fazit der ZEIT. Zu Recht! Landes beschreibt nicht nur die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung verschiedener Regionen der Welt (beispielsweise der Chinas), sondern benennt auch stichhaltig Ursachen für diese. Er zeigt auf, wie wichtig etwa die Kultur bei der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes/ einer Region ist. Fazit: Unbedingtes Muß zur Wirtschaftsgeschichte !