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Der kleine Bruder

Roman

Herr Lehmann Band 3


Wie aus dem kleinen Bruder Frank der grosse Herr Lehmann wurde

Berlin-Kreuzberg, November 1980: Im Schatten der Mauer gedeiht ein Paralleluniversum voller Künstler, Hausbesetzer, Kneipenbesitzer, Kneipenbesucher, Hunde und Punks. Bier, Standpunkte, Reden, Verräterschweine, alles ist da. Nur eines fehlt: jemand, der alles mal richtig durchdenkt – Frank Lehmann aus Bremen. Nachdem dessen WG dort vom Gesundheitsamt geschlossen wurde, macht Frank sich auf nach Berlin zu seinem grossen Bruder Manni. Doch der ist verschwunden. Es beginnt eine abenteuerliche Suche quer durch die nächtliche Stadt ...

Sven Regeners dritter grosser Herr-Lehmann-Roman, chronologisch zwischen „Neue Vahr Süd“ und „Herr Lehmann“ angeordnet.

Portrait
Sven Regener, 1961 in Bremen geboren, lebt in Berlinund ist Sänger, Texter und Trompeter der Band Elementof Crime, die mit Alben wie „Damals hinterm Mond“ und „Weisses Papier“ grosse Popularität erlangte. Sein Debütroman „Herr Lehmann“ stürmte auf Anhieb die Bestsellerliste. Mehr als 700.000 Kinobesucher sahen sich die Verfilmung dieses Bestsellers an. Für das Drehbuch erhielt Sven Regener 2004 den Deutschen Filmpreis in Gold. Mit „Neue Vahr Süd“ konnte der Autor seinen sensationellen literarischen Erfolg fortführen.
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  • Irgendwann war es so dunkel, dass Wolli schwieg. Frank Lehmann bemerkte das erst gar nicht, weil er schon lange nicht mehr hinhörte, schon kurz hinter der Grenze bei Helmstedt hatte er die Ohren auf Durchzug gestellt und sich aufs Fahren konzentriert, vor allem darauf, die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h nicht zu überschreiten, denn das war ja schon Wollis Hauptthema zwischen Bremen und Hannover gewesen, dass die einen fertigmachen würden, wenn sie einen dabei erwischten, wie man ihre Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 km/h ignorierte, das hatte, allein schon durch die Sturheit, mit der Wolli dieses Thema zwischen Achim und Allertal in einem unaufhörlichen Redefluss wieder und wieder zu Tode geritten hatte, irgendwann dann doch Eindruck auf Frank gemacht, nicht so sehr, dass er Wollis Erzählungen, die immer Erzählungen von Leuten wiedergaben, die Leute kannten, denen das Erzählte einst widerfahren war, und die zusammengefasst darauf hinausliefen, dass ein allzu sorgloser rechter Fuss sie direkt in den Gulag bringen würde, für wirklich bare Münze genommen hätte, aber er war immerhin so weit davon eingeschüchtert, dass er um seine Ersparnisse zu fürchten begann, jene paar hundert Mark, die er von seinem Postsparbuch ab
    gehoben hatte, um nach Berlin zu seinem Bruder zu fahren und ein neues Leben anzufangen, denn das war sein Plan.

    Kein besonders ausgefeilter Plan, dachte er gerade, als Wolli aufhörte zu reden und sie gemeinsam schweigend in das sehr dunkle Dunkel der Transitstrecke durch die DDR starrten, hat ein paar Schönheitsfehler, der Plan, dachte er, aber dann fiel ihm auf, dass Wolli nicht mehr redete, und die Stille hatte, zusammen mit der sie umgebenden Finsternis, eine beruhigende, einlullende Wirkung, der er sich gerne hingab. Scheiss drauf, ob der Plan Schönheitsfehler hat, dachte er, Hauptsache, es ist mal Ruhe im Schiff, und dann sah er nur noch der Strasse dabei zu, wie sie sich in das funzlige Licht seiner Scheinwerfer schob wie ein alter, harter Teppich. Leider hatte er keinen Vordermann mehr, dem er folgen konnte, der letzte war vor einer Viertelstunde abgebogen in das Land um sie herum, von dem man nichts sah oder hörte, und Wolli hatte sich danach noch eine Weile darüber ausgelassen, dass das ein Trabant gewesen sei und was das zu bedeuten habe und so weiter und so fort, aber wenigstens war dieser Trabant, wenn es denn einer gewesen war, nicht so schnell gewesen, dass Frank ihn hatte ziehen lassen müssen wie all die anderen Autos, die sie in der Zwischenzeit überholt hatten, der Trabant hatte genau die richtige, risikoarme, von Wolli dringend empfohlene Geschwindigkeit gehabt, und er hatte sie sicher durch die Finsternis geführt. Nun war er fort, aber dafür hielt Wolli mal die Klappe, und das war doch auch schon was, fand Frank.
    Das ging etwa fünf Minuten so, draussen war alles dunkel und drinnen war es still, wenn man vom gleichmässigen Röhren von Franks altem Kadett einmal absah. Das waren fünf spannende Minuten, denn Frank konnte direkt spüren, wie sich in Wolli der Druck aufbaute, etwas zu sagen, und wie er zugleich davor zurückschreckte, das Schweigen zu durchbrechen, wie dieses Schweigen also unter Wollis innerem Druck immer mehr anschwoll wie ein Ballon, den ein massloses Kind manisch aufpustete und der jeden Moment platzen musste, so dass man die Augen zusammenkniff, das Gesicht verzog und in den Schultern verkrampfte in Erwartung des Knalls, so kam ihm, Frank, das jedenfalls vor während dieser fünf Minuten schweigender Fahrt durch die von keinerlei Licht in der Landschaft gemilderte Dunkelheit, die sie mit knapp hundert Sachen durchröhrten, das sind ganz schön neurotische Gedanken, dachte er, Kinder, Luftballons, schlimm, dachte er, aber was Wunder, wenn man seit Stunden durch Wollis Gelaber zermürbt wird, dachte er, so sehr zermürbt, dass man es sich zurückwünscht, wenn es aufhört, das kennt man sonst nur von Geiseln, die sich irgendwann mit ihren Geiselnehmern identifizieren, dachte er, Patty Hearst, Patty Hearst war so ein Fall gewesen, dachte Frank, er hatte viel darüber gelesen damals, vor Jahren, als das ein grosses Ding gewesen war, ihn hatte das sehr fasziniert, dieser ganze Kidnapping-, Geisel- und Gehirnwäschekram, das hatte ihm gefallen, er war noch in der Schule gewesen damals, als Schüler steht man auf sowas, dachte er, er hatte sich sogar ein bisschen in Patty Hearst verliebt damals, weil sie auf dem Bild von dem
    Banküberfall so sexy ausgesehen hatte, und deshalb sagte er nun, um Wolli nicht weiterhin diesen Qualen ausgesetzt zu wissen, von denen er, als Wollis Geisel, ihn im Patty Hearstschen Sinne natürlich erlöst wissen wollte, einfach das Nächstbeste, was ihm einfiel: »Patty Hearst!«
    »Genau«, sagte Wolli. »Symbionese Liberation Army. Keine Ahnung, was die eigentlich wirklich wollten, da hat ja nun echt keiner durchgeblickt.«
    »Ja, ich auch nicht«, sagte Frank. Man darf Wolli nicht unterschätzen, dachte er.
    »Lehnin!« rief Wolli und zeigte in die Dunkelheit, in der ein schmutziges, nichtreflektierendes Hinweisschild auftauchte, »Lehnin! Mit h! Die spinnen doch!«
    Plötzlich waren sie nicht mehr allein auf der Strasse. Von hinten kamen Autos, die sie nicht überholten, sondern sich damit begnügten, bis zu ihnen aufzuschliessen und Frank im Rückspiegel zu blenden. Und auch vor ihnen tauchte bald eine grössere Ansammlung von Autos auf, die wie auf eine Schnur gefädelt auf der rechten Spur dahinkrochen.
    »Warum sind die jetzt plötzlich alle so langsam?« fragte Frank.
    »Da kommt jetzt gleich die Abfahrt«, sagte Wolli und rutschte nervös auf seinem Sitz hin und her, »da kommt gleich die Abfahrt, bloss nicht überholen, da musst du aufpassen, so ein Schild mit »Transit WestberlinWie um ihn zu bestätigen, fing die Schlange vor ihnen geschlossen an zu blinken, und dann tauchte auch schon das von Wolli angekündigte Schild auf, und sie bogen alle zusammen ab auf eine andere Autobahn.
    »Jetzt sind wir gleich da, jetzt sind wir gleich da«, sagte
    Wolli.
    »Aber es ist doch überhaupt nichts zu sehen«, sagte Frank.
    »Das ist immer so«, sagte Wolli, »das hat nichts zu sagen. Aber das merkst du ja schon dadurch, wie voll das hier ist, dass wir gleich da sind!«
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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 313
Erscheinungsdatum 06.04.2010
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-47031-0
Verlag Goldmann
Maße (L/B/H) 18.6/11.8/2.7 cm
Gewicht 259 g
Verkaufsrang 18318
Buch (Taschenbuch)
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Kundenbewertungen

Durchschnitt
19 Bewertungen
Übersicht
10
7
2
0
0

Ein gelungener Abschluss
von einer Kundin/einem Kunden am 02.07.2018

"Der kleine Bruder" bildet den gelungenen Abschluss der ohnehin schon tollen Trilogie über Frank Lehmann. "Der kleine Bruder" macht genau so viel Spaß wie seine beiden Vorgänger! Grandios!

von einer Kundin/einem Kunden am 16.03.2016
Bewertet: anderes Format

Die Vorgeschichte zu "Neue Vahr Süd" und "Herr Lehmann". Mit viel Sprachwitz erzählt. Die 80Jahre in Berlin. Ein humorvolles Zeugnis der jüngeren deutschen Vergangenheit

von einer Kundin/einem Kunden aus Münster am 16.03.2016
Bewertet: anderes Format

Gewohnt souverän erzählt Regener den Übergang von Bremen (Neue Vahr Süd) nach Berlin (Herr Lehmann). Gekonnt fängt er die Stimmung der Zeit ein und würzt alles mit seinem Humor.