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Lob des Schattens

Entwurf einer japanischen Ästhetik

«Wie ein phosphoreszierender Stein, der im Dunkel glänzt, aber bei Tageshelle jeglichen Reiz als Juwel verliert, so gibt es ohne Schattenwirkung keine Schönheit.»

Am Beispiel des Umgangs mit Licht und Schatten gelingt Tanizaki Jun’ichiro der faszinierende Entwurf einer japanischen Ästhetik. Kunstfertig und mit Leichtigkeit ergründet sein Essay die Wurzeln fernöstlicher Schönheit.

Ob Gärten, Häuser oder Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs – im Umgang mit Licht und Schatten liegt der Schlüssel zum Verständnis japanischer Ästhetik. Gerade das Halbdunkel und die irritierende Düsternis bringen den Glanz bestimmter Materialien aufs Eindrücklichste zur Geltung. Die Eleganz lackierter Flächen, das Glitzern der Gold- und Silberfäden alter Gewebe entfalten sich ausschliesslich im Schattenspiel zwischen den Objekten. Farbe und Struktur japanischen Papiers rückt erst der Dämmerschein ins rechte Licht. «Das, was man als schön bezeichnet, entsteht in der Regel aus der Praxis des täglichen Lebens heraus. So entdeckten unsere Vorfahren, die wohl oder übel in dunklen Räumen leben mussten, irgendwann die dem Schatten innewohnende Schönheit, und sie verstanden es, den Schatten einem ästhetischen Zweck dienstbar zu machen», erklärt Tanizaki Jun’ichiro.

Einen besorgten Blick richtet er Richtung Westen. Denn was bedeuten der Siegeszug des elektrischen Lichts und gleissender Helligkeit für die jahrtausendealten Schönheitsvorstellungen seiner Heimat? An der Wende zur Moderne geschrieben, wurde Tanizakis berühmter Essay zum «ästhetischen Testament Japans» (Neue Zürcher Zeitung).

In bibiophiler Ausstattung mit einem Schutzumschlag aus Naturpapier, gebunden in schwarzes, geprägtes Strukturpapier, mit einer Original-Kalligraphie.

Portrait
Tanizaki Jun'ichiro (1886-1965) wurde in Tokio geboren. Beide Eltern stammten aus alten Kaufmannsfamilien. Der hochbegabte Jun'ichiro, der schon in der Schule durch stilistische Glanzleistungen Aufsehen erregt hatte, studierte in Tokio englische und japanische Literatur. Er verliess die Universität jedoch ohne Abschluss und entschied sich für die Schriftstellerlaufbahn. Beeinflusst von Oscar Wilde, Edgar Allan Poe, Charles Baudelaire und seinem Lehrer Nagai Kafu nahm er von Anfang an einen antinaturalistischen Standpunkt ein und wurde zum Bannerträger des Ästhetizismus. Sein Hauptthema ist die Suche nach Schönheit und nach einer oft übersteigerten, sich am Rande des Abartigen bewegenden Sinnlichkeit und Erotik.
1923 zog er in das Gebiet von Kyoto-Osaka und wandte sich vermehrt der traditionellen Kultur zu. Sein Hauptwerk, der umfangreiche Familien- und Gesellschaftsroman «Sasame yuki» («Feiner Schnee»), entstand 1943-1948. Tanizaki schreibt eine breit angelegte, kraftvolle, präzise Prosa.
Der lange Essay «In'ei raisan» («Lob des Schattens», 1933) ist ein Schlüsselwerk für Tanizakis Ästhetik, zeugt sowohl von seinem ausgeprägten Sensualismus wie für seine Hinwendung zur Tradition und reflektiert in einzigartiger Weise die Situation des Umbruchs, die Spannung zwischen Alt und Neu, zwischen Ost und West, in der sich Japan in den dreissiger Jahren befand und noch heute befindet.
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  • Wenn heutzutage ein Architekturliebhaber für sich ein Haus in rein japanischem Stil errichten möchte, so wird er der Installation von Elektrizität, Gas, Wasser besondere Aufmerksamkeit schenken und keine Mühe scheuen, diese Einrichtungen mit den japanischen Räumen irgendwie harmonisch zu verbinden; und selbst jemand, der nie ein eigenes Haus gebaut hat, wird wohl in der Regel solche Bemühungen wahrnehmen, sobald er einen Versammlungsraum, ein Speiselokal oder eine Herberge betritt. Von jenen selbstzufriedenen Teemenschen1 einmal abgesehen, die sich über die Segnungen der Zivilisation hinwegsetzen und ihre «Grashütte» lieber in ländlicher Abgeschiedenheit aufstellen, kommt keiner, der einen Hausstand von einer gewissen Grösse hat und in der Stadt wohnt, um den Einbau der zum modernen Leben notwendigen Heizung, Beleuchtung und sanitären Einrichtung herum, mag er auch noch so sehr auf japanischen Stil bedacht sein. Wählerische Leute zerbrechen sich dann über die kleinsten Kleinigkeiten den Kopf, und sei es über das Telefon, das sie hinter eine Treppe oder in eine Ecke des Korridors platzieren, wo es möglichst wenig ins Auge fällt. Sie verlegen die elektrische Zuleitung des Vorgartens in den Boden, verstecken drinnen die Schalter in Wandschränken und Regalen, lassen die Kabel im Schatten von Stellschirmen verschwinden und denken sich sonst noch allerhand aus, sodass man schliesslich in manchen Fällen von so viel übersensibler Künstlichkeit eher unangenehm berührt ist. In der Tat haben sich unsere Augen zum Beispiel an die elektrische Lampe längst gewöhnt. anstatt also irgendwelche unzulänglichen Massnahmen zu ergreifen, scheint es mir natürlicher und schlichter, das Licht mit einem jener herkömmlichen flachen Lampenschirme aus milchweissem Glas zu versehen und die Glühbirne nackt zu belassen. Wenn ich abends vom Zugfenster aus eine ländliche Gegend betrachte und in schilfbedeckten Bauernhäusern im Schatten der sköji2 eine Glühbirne unter jenem jetzt veralteten Lampenschirm brennen sehe, so finde ich das geradezu erlesen geschmackvoll. Schwieriger ist dagegen die Sache mit den Ventilatoren. Sowohl vom Geräusch her, das sie erzeugen, wie von der Form lassen sie sich noch immer schwer mit einem japanischen Raum in Einklang bringen. In einem gewöhnlichen Haushalt kann man, wenn man sie nicht mag, sehr wohl darauf verzichten. ein haus jedoch, das auf den empfang von Gästen im Sommer ausgerichtet ist, darf nicht nur auf die Vorlieben des Hausherrn Rücksicht nehmen. Mein Freund, der Besitzer des «Kairakuen», ist ziemlich engagiert in Fragen des Bauens. Er konnte Ventilatoren nicht ausstehen und verzichtete lange darauf, sie in seinen Gästezimmern aufzustellen. Da sich aber jeden Sommer die Klagen der Gäste wiederholten, sprang er schliesslich über seinen eigenen Schatten und liess ihren Gebrauch zu. Ich selbst habe, als ich letztes Jahr mit einem für meine Verhältnisse unangemessen hohen Kapital ein Haus baute, ähnliche Erfahrungen gemacht. Wenn man anfängt, sich um die Einrichtung im Einzelnen bis hin zu den kleinsten Gerätschaften zu kümmern, ergeben sich die verschiedensten Schwierigkeiten. Nehmen wir nur schon die shoji als Beispiel: Aus Gründen des Geschmacks möchte man auf Glas verzichten. Wollte man sie aber konsequent nur mit Papier bespannen, so ergäben sich Probleme unter anderem mit der Lichtdurchlässigkeit und der Abschliessbarkeit des Hauses. Gezwungenermassen bespannt man sie also auf der Innenseite mit Papier und verglast sie nach aussen. Dazu aber braucht es einen doppelten Rahmen, Vorder- und Rückseite, was die Kosten erhöht. Hat man die Sache einmal so weit getrieben, erweist es sich, dass die shoji von draussen nur wie einfache Glastüren aussehen, während sie von innen wegen des Glases auf der Aussenseite eben doch nicht jene bauschige Weichheit wirklicher Papier-shji besitzen und leicht einen unangenehmen Eindruck hinterlassen. Da hätte man ebenso gut simple Glastüren einsetzen können, sagt man sich endlich reuevoll.
    Nun mag man, wenn es einen anderen betrifft, darüber lachen; aber selber bringt man es kaum über sich aufzugeben, bevor man die Sache nicht bis zu diesem Punkt ausprobiert hat. In letzter Zeit werden im Handel verschiedene elektrische Beleuchtungskörper in Form von Trag- und Stehlampen, von Papierlaternen, von viereckigen Deckenlampen oder von Leuchtern angeboten, die sich in japanische Interieurs einfügen. dennoch finde ich keinen Gefallen daran. So suchte ich bei Antiquitätenhändlern altertümliche Petrollampen, Nachtlaternen und Kopfkissenlampen4 zusammen und stattete sie mit Glühbirnen aus. besonderes Kopfzerbrechen bereitete mir das Entwerfen der Heizung. denn unter all dem, was die Bezeichnung «Ofen» trägt, gibt es nichts, was in der Form zu japanischen Räumen passt. der Gasofen erzeugt überdies ein lästig zischendes Geräusch, und man bekommt bald Kopfweh davon, wenn er nicht mit einem Abzugsrohr versehen wird. der elektrische Ofen gilt zwar in dieser Hinsicht als ideal, aber seine Form ist ebenso unansehnlich. Ein Ausweg besteht darin, dass man Heizkörper, wie sie in der Strassenbahn verwendet werden, unter einem tiefen Regal anbringt. doch es kommt keine winterliche Stimmung auf, wenn die Röte des Feuers unsichtbar bleibt, und das ist auch dem Zusammensitzen im trauten Familienkreis abträglich. nach mancherlei Überlegungen liess ich eine grosse zentrale Herdstelle einbauen, wie man sie in Bauernhäusern findet, und versah sie mit «elektrischen Kohlen». Diese Einrichtung eignet sich sowohl zum Wasserkochen wie zum Heizen des Zimmers, und wenn man von den erhöhten Kosten absieht, darf man sie auch vom Stil her als einen Erfolg verbuchen. Während ich für die Heizung also eine passable Lösung fand, brachten mich als Nächstes das Badezimmer und die Toilette in Verlegenheit. Der Besitzer des «Kairakuen» hat eine Abneigung dagegen, Bäder und Waschgelegenheiten mit Fliesen auszulegen, und er hält die Badezimmer für die Gäste in reiner Holzausstattung; aber es braucht nicht eigens betont zu werden, dass von der Wirtschaftlichkeit und vom praktischen Gebrauch her Fliesen unendlich überlegen sind. Wählt man allerdings für die Decke, die Pfeiler, die Täfelung ein schönes japanisches Holz und legt man nur einen Teil mit jenen grellen Fliesen aus, so harmoniert das sehr schlecht miteinander. Solange der Raum neu ist, mag es noch angehen. Aber wenn nach Jahren die geschmackvolle Maserung auf Brettern und Pfeilern hervortritt und nur die Fliesen weiss glitzern und gleissen, so sieht es wirklich aus, als habe man Holz zu Bambus gefügt5. Beim Bad nimmt man es vielleicht in Kauf, die praktischen Aspekte in einem gewissen Grad der Liebhaberei zu opfern; bei der Toilette hingegen ergeben sich Probleme, die nochmals um einen Grad heikler sind.
    Jedes Mal wenn ich in Kyoto oder Nara einen Tempel besuche und dort zu einem althergebrachten, dämmerigen, tadellos sauberen Abort gewiesen werde, kommen mir die Vorzüge der japanischen Architektur so richtig zum Bewusstsein. Ein Teeraum ist gewiss ein sehr ansprechender ort, aber noch mehr ist der Abort japanischen Stils so konzipiert, dass der Geist im wahrsten Sinn des Wortes Ruhe findet. Solche Örtchen stehen immer vom Hauptgebäude getrennt im Schatten eines Gebüschs, wo einen der Geruch von grünem Laub und Moos umfängt; sie sind mit dem haus durch einen überdachten Gang verbunden, und wenn man in ihrem halbdunkel kauert und, vom matthellen Widerschein der sköji beschienen, sich seinen Träumereien hingibt oder den Garten vor dem Fenster betrachtet, so ist das ein ganz unbeschreibliches Gefühl. Meister Soseki6 soll den allmorgendlichen Toilettenbesuch zu den Annehmlichkeiten des Lebens gerechnet haben, indem er bemerkte, es handle sich in erster Linie um ein physiologisches Wohlgefühl. Es dürfte kaum einen Ort geben, wo man dieses Wohlgefühl deutlicher empfindet, als den japanischen Abort, der von ruhigen Wänden und feiner Holzmaserung umgeben ist, der den Blick auf die Farben des blauen Himmels und des grünen Laubwerks freigibt. Und dazu gehören unabdingbar - ich sage es noch einmal - ein gewisses halbdunkel, gründliche Sauberkeit und eine Stille, die selbst das Summen einer Mücke ans Ohr dringen lässt. Ich liebe es, auf einem solchen Örtchen dem sanften Rieseln des Regens zu lauschen. Besonders im Kantö-Gebiet7 haben die Aborte am Boden ein schmales, langes Fenster zum Auskehren des Staubs; von daher hört man den leisen Aufprall der vom Vordach oder den Baumblättern herabfallenden Tropfen noch unmittelbarer, wie sie etwa das Fundament einer Steinlaterne waschen oder das Moos auf den Schrittsteinen anfeuchten, bevor die Erde sie aufsaugt. In der Tat, es gibt keinen geeigneteren Ort, um das Zirpen der Insekten, den Gesang der Vögel, eine Mondnacht, überhaupt die vergängliche Schönheit der Dinge zu jeder der vier Jahreszeiten auf sich wirken zu lassen, und vermutlich sind die alten Haiku-Dichter ebenda auf zahllose Motive gestossen. So könnte man nicht ohne Grund behaupten, die japanische Architektur habe hier ihren raffiniertesten Ausdruck gefunden. Unsere Vorfahren, die die Gabe hatten, alles zu poetisieren, machten aus dem an sich unsaubersten Teil des Hauses einen Ort des guten Geschmacks, verbanden ihn mit den Schönheiten der Natur und umgaben ihn mit einer Aura von liebenswerten Assoziationen. Verglichen mit der Einstellung der Abendländer, die den Ort von Grund auf als unrein behandeln und sich sogar scheuen, in der Öffentlichkeit davon zu sprechen, ist die unsere viel weiser und erreicht ein Höchstes an geschmacklichem Raffinement. Ein Nachteil, falls man unbedingt einen solchen nennen will, ist allenfalls in der Entfernung vom Hauptgebäude zu sehen, was das Aufsuchen während der Nacht erschwert und besonders im Winter Erkältungsgefahr in sich birgt; aber da nach einem Ausspruch von Saito Ryoku'u8 «guter Geschmack eine kalte Sache» ist, so fühlt man sich wohler, wenn an einem solchen Ort die gleiche Kälte wie in der Umgebung draussen herrscht. Es ist höchst unangenehm, wenn sich in den westlichen Toiletten der Hotels die warme Luft der Zentralheizung ausbreitet. Jedem Liebhaber des architektonischen Teehausstils dürfte also diese Art des japanischen Aborts als Ideal vorschweben, und ohne Zweifel ist sie solchen Gebäuden angemessen, die wie etwa die Tempel im Verhältnis zu ihrer Weiträumigkeit wenig Bewohner zählen und in denen es nie an Händen zum Saubermachen mangelt. In gewöhnlichen Häusern dagegen ist es nicht einfach, ständig solche Sauberkeit zu wahren. Vor allem wenn der Boden mit Brettern oder tatami9 ausgelegt ist, mag man noch so sehr auf gute Manieren halten und konsequent mit dem Putzlappen arbeiten: die Flecken sind bald nicht mehr zu übersehen. So entschliesst man sich eben doch eines Tages für leicht zu reinigende Installationen, indem man Fliesen legt und ein Klosett mit Wasserspülung einrichtet. das ist nicht nur hygienischer, sondern erspart einem auch viel Mühe; aber damit ist es auch aus mit jeglicher Verbindung zum «geschmacklichen Raffinement» und zu den «Schönheiten der Natur». Wenn's dort so hell glänzt und noch dazu die vier Wände blendend weiss ausgekleidet sind, so ist einem kaum danach zumute, das physiologische Wohlgefühl des Meisters Söseki nach Herzenslust auszukosten. Gewiss, da von Ecke zu Ecke alles in reinstem Weiss überblickt werden kann, herrscht ohne Zweifel Sauberkeit; aber die Frage sei erlaubt: Muss man sich wirklich in diesem Ausmass um einen Ort kümmern, der die Ausscheidungen unseres Körpers aufnehmen soll? Gleich wie es sich für eine schöne Frau - und mag sie noch so wunderbare Haut haben - nicht geziemt, das Hinterteil oder die Beine vor aller Welt zu entblössen, so ist es auch der Gipfel der Indiskretion, einen solchen Bereich so aufdringlich zu erhellen. Viel eher regt einen die Sauberkeit dessen, was man sieht, dazu an, auf das zu schliessen, was unsichtbar bleibt. Es macht sich besser, solche Orte in ein verschwommenes Halblicht zu tauchen und den Grenzbereich, von dem an es sauber oder weniger sauber wird, im Unklaren zu lassen. Aus all diesen Gründen habe auch ich mich beim Bau zwar für eine Spüleinrichtung entschieden, aber auf das Verlegen von Fliesen durchwegs verzichtet. Ich versuchte, mich an den japanischen Stil zu halten, indem ich den Boden mit Brettern des Kampferbaums abdecken liess. Das Klosettbecken jedoch bereitete mir Schwierigkeiten. Wie man weiss, bestehen alle Becken für Wasserspülung aus schneeweissem Porzellan und sind mit glänzenden Metallteilen ausstaffiert. Mir hingegen schwebt vor, dass diese Einrichtung, gleich ob es sich um eine für Männer oder eine für Frauen handelt, möglichst aus holz gefertigt sein sollte. Am besten ist mit Wachs versiegeltes holz; aber auch unbehandeltes holz nimmt mit der Zeit eine schöne dunkle Färbung an, lässt die Maserung in reizvoller Weise hervortreten und hat eine seltsam beruhigende Wirkung auf die Nerven. Ideal wäre ganz besonders jene (für den männlichen Gebrauch bestimmte) Schüssel in Form einer Trichterwinde, falls sie aus holz bestünde und mit dunkelgrünen Zedernzweigen ausgelegt würde; denn sie wäre nicht nur dem Auge angenehm, sondern würde auch jeglichen Schall schlucken. Obwohl ich mir einen solchen Luxus nicht erlauben konnte, hatte ich doch wenigstens die Absicht, das Klosettbecken meinen Wünschen entsprechend anzufertigen und es mit Spülung zu versehen. Aber die Beschaffung eines derart ungewöhnlichen Stücks hätte mir so viele zusätzliche Umtriebe und Kosten verursacht, dass ich mich gezwungen sah zu verzichten. Zwar habe ich nichts dagegen, dass man die Errungenschaften der Zivilisation, sei es nun Beleuchtung, Heizung oder Klosett, übernimmt; aber wenn schon, warum kann man dann nicht ein bisschen mehr auf unsere Bräuche und Lebensart Rücksicht nehmen und jene Errungenschaften in ihrem Sinne adaptieren und verbessern? dies war die eine Frage, die sich mir damals aufdrängte.
    Schon kommen elektrische Leuchtkörper in Form von Papierlaternen allmählich in Mode, weil uns die zeitweilig vergessene Weichheit und Wärme des Materials Papier erneut aufgegangen ist und wir eingesehen haben, dass es besser als Glas zu unseren japanischen Häusern passt. Dagegen findet man bei den Klosettbecken und den Öfen immer noch keine Formen im Handel, die wirklich harmonieren. Was die Heizung angeht, so halte ich meine Idee, eine Herdstelle mit «elektrischen Kohlen» auszustatten, für die beste. Aber kein Mensch käme darauf, auch nur eine einzige so einfache Einrichtung auszugestalten (es gibt zwar schwächliche elektrische Kohlenbecken, aber sie unterscheiden sich kaum von gewöhnlichen Kohlenbecken, insofern sie nicht zum Heizen geeignet sind); in den Geschäften werden nur jene unförmigen Öfen westlichen Stils angeboten.
    Freilich, es ist ein Luxus, sich über den guten Geschmack in solchen Details des täglichen Lebens lange den Kopf zu zerbrechen, und manche Leute werden wohl sagen, Hauptsache sei, dass etwas zum Schutz vor Kälte, Hitze oder Hunger beitrage; da sei es fehl am Platz, nach der Form zu fragen. Zugegeben, man mag sich in seinen Ansprüchen noch so sehr einschränken, «ein Tag, an dem der Schnee fällt, ist ein kalter Tag», und wenn man an einem solchen Tag ein praktisches Gerät in Reichweite hat, so ist man natürlich rasch geneigt, sich dieser Wohltat zu bedienen, ohne lange die etwa vorhandene oder fehlende Eleganz zu erörtern. das sehe ich gewiss ein - und dennoch beschäftigt mich immer wieder der Gedanke, inwiefern sich wohl unsere Gesellschaft von ihrem heutigen Zustand unterscheiden würde, wenn der Osten eine vom Westen völlig getrennte, eigenständige wissenschaftlich-technische Zivilisation hervorgebracht hätte. Angenommen, wir hätten zum Beispiel unsere eigene Physik und Chemie betrieben, hätte dann nicht auch die darauf basierende Technik und Industrie von selbst eine andersartige Entwicklung durchgemacht, und wären dabei nicht allerhand dinge produziert worden wie Apparate für den täglichen Gebrauch, Medikamente oder kunstgewerbliche Arbeiten, die besser mit unserem Volkscharakter übereinstimmten? Wer weiss, vielleicht hätte man sogar die Prinzipien der Physik und der Chemie selbst aus einem anderen Blickwinkel als demjenigen der Abendländer betrachtet, und Phänomene wie die Lichtstrahlung, die Elektrizität, die Atome hätten sich in Bezug auf Wesen und Eigenschaften in anderer Gestalt präsentiert als derjenigen, die man uns heute beibringt. Mir fehlen allerdings theoretische Kenntnisse, und so lasse ich hier einfach meiner Fantasie die Zügel schiessen; doch wenn schon die Erfindungen auf praktischer Ebene eine originale Richtung verfolgt hätten, so kann man sich leicht ausmalen, dass sie dann auch einen breiten Einfluss auf die Art, wie wir wohnen, uns kleiden und ernähren, im Weiteren auch auf die Formen unserer Politik, Religion, Kunst und Industrie hätten ausüben müssen und dass der Osten als Osten wohl eine ihm eigene Welt geschaffen hätte. Um ein naheliegendes Beispiel zu nehmen: Ich habe früher einmal in der Zeitschrift «Bungei shunjü» einen Vergleich zwischen dem Füllfederhalter und dem Pinsel gezogen. Wenn zufällig ein Japaner oder Chinese aus früherer Zeit sich den Füllfederhalter ausgedacht hätte, dann hätte er vermutlich die Spitze nicht mit einer Metallfeder, sondern mit Pinselhaaren versehen. Für die Tinte hätte er nicht jenes Blau, sondern eine der Reibtusche10 nahekommende Farbe gewählt, und er hätte die Tinte aus dem Halter in die Pinselhaare aussickern lassen. In diesem Falle hätte sich auch das westliche Papier nicht geeignet; am stärksten wäre wohl die Nachfrage nach einer in grossen Mengen herstellbaren, aber dem Japanpapier ähnlichen Papierqualität, nach einer Art verbessertem hanshi", gewesen. Wenn Papier, Tusche und Pinsel eine derartige Entwicklung genommen hätten, dann wären wohl Feder und Tinte nie so populär wie heute geworden, die Befürworter der römischen Schrift12 hätten wohl nie solches Gehör gefunden, und die allgemeine Vorliebe für die chinesischen Ideogramme und die japanischen Silbenschriftzeichen hätte sich unvermindert erhalten. Und nicht nur das, auch unser Denken und unsere Literatur hätten wohl nicht in diesem Ausmass dem Westen nachgeeifert, wären vielleicht in neue, selbstständigere Sphären vorgestossen. Diese Überlegung zeigt, wie selbst ein unscheinbares Schreibgerät grosse, sich ins Unendliche fortsetzende Auswirkungen haben kann.
    Ich weiss sehr wohl, dass diese Gedanken nichts weiter sind als Fantasien eines Schriftstellers und dass wir an dem Punkt, an dem wir heute nun einmal stehen, nicht mehr zurückkehren und neu anfangen können. Was ich da gesagt habe, ist deshalb nur ein Greifen nach dem Unmöglichen, es läuft auf eine Nörgelei hinaus; aber sei's drum, man wird ja wohl darüber nachdenken dürfen, was für Nachteile wir im Vergleich zu den Abendländern in Kauf nehmen müssen. Mit einem Wort: Der Westen hat auf einem gradlinigen Weg seinen heutigen Stand erreicht; wir unsererseits stiessen auf eine überlegene Zivilisation, waren gezwungen, sie zu übernehmen, und mussten dafür einen andern Kurs einschlagen als denjenigen, den wir seit ein paar Tausend Jahren verfolgt hatten, was verschiedene Mängel und Unbequemlichkeiten zur Folge hatte. Ich gebe zu: Hätte man uns einfach uns selbst überlassen, so wären wir vielleicht in materieller Hinsicht weder vor fünfhundert Jahren noch heute viel weiter gekommen; und tatsächlich ist ja in china oder Indien auf dem Land draussen auch heute noch das Leben kaum anders als zu Zeiten des Buddha und des Konfuzius. Aber zumindest hätten wir eine unserem Wesen entsprechende Richtung einhalten können. Und schliesslich, nach einem zwar langsamen, aber stetigen Fortschreiten wäre vielleicht doch auch für uns einmal der Tag gekommen, da wir zivilisatorische Errungenschaften vorzuweisen gehabt hätten, die unseren heutigen Strassenbahnen, Flugzeugen oder Radioapparaten entsprächen - Errungenschaften, die nicht von anderen entlehnt wären, sondern wirklich mit unseren Bedürfnissen übereinstimmten. Greifen wir als weiteres Beispiel den Film heraus, dann unterscheidet sich der amerikanische vom französischen oder deutschen in Bezug auf Schattierung und Farbtönung. Von der Art der Spielweise und der Verfilmung eines Stoffes ganz abgesehen, manifestiert sich schon auf der Ebene der Aufnahmetechnik irgendwie der unterschiedliche Volkscharakter. Wenn das bereits beim Gebrauch derselben Apparate und Chemikalien, desselben Filmmaterials der Fall ist, wie sehr müsste dann erst recht eine von uns selbstständig entwickelte Fotografie auf unsere Haut, unser ganzes Aussehen, unsere klimatischen und topografischen Verhältnisse zugeschnitten sein. Das Gleiche gilt auch für das Grammophon und das Radio; wenn sie von uns erfunden worden wären, so wäre wohl etwas zustande gekommen, das die Eigenarten unserer Stimmgebung und Musik besser zum Leben erweckt.
    Unsere Musik ist ihrem Wesen nach zurückhaltend und von Stimmungen geprägt; deshalb geht der grösste Teil ihres Reizes verloren, wenn sie auf Platten aufgenommen oder durch Lautsprecher verstärkt wird. Auch bei unseren Erzähl- und Redekünsten13 ist unsere Stimme weniger laut, wir brauchen weniger Worte, und wichtiger als alles andere ist das richtige Pausieren; bei der mechanischen Reproduktion aber wird dieses Pausieren vollständig zunichte. Und so verzerren wir gar unsere Künste selbst, um ja der Maschine entgegenzukommen. Ursprünglich haben die Abendländer diese Apparate aus ihrer Mitte heraus entwickelt und daher selbstverständlich nach den Bedürfnissen ihrer Künste gestaltet. In diesem Sinne müssen wir die verschiedensten Nachteile in Kauf nehmen.
    Das Papier ist, so heisst es, eine Erfindung der Chinesen. Wenn wir westliches Papier vor uns haben, empfinden wir nichts, ausser dass es sich um einen einfachen Gebrauchsgegenstand handelt. Wenn wir jedoch die Musterung von China- oder Japanpapier betrachten, so spüren wir darin eine Art Wärme, die unser Herz beruhigt. Auch wenn alle Sorten weiss sind, so ist doch die Weisse des westlichen Papiers verschieden von der Weisse des dicken japanischen kösko-Papiers oder des weissen Chinapapiers. die Oberfläche des westlichen Papiers scheint die Lichtstrahlen gleichsam zurückzuwerfen, während das kösko- und das Chinapapier wie eine Fläche weichen, frisch gefallenen Schnees die Lichtstrahlen satt in sich aufsaugen. Berührt man es, so ist es geschmeidig und erzeugt beim Falten und Zusammenlegen kein Geräusch. Es fühlt sich sanft und feucht an, als ob man ein Laubblatt anfasste. Im Allgemeinen werden wir von innerer Unruhe erfasst, wenn wir hell glänzende dinge sehen. Im Westen verwenden die Leute unter anderem für das Besteck Silber, Stahl und Nickel und polieren es, damit es möglichst glitzert, aber wir haben eine Abneigung gegen solche funkelnden Gegenstände. Zwar braucht man auch bei uns gelegentlich Wasserkessel, Sakeschalen und -flaschen aus Silber, doch nie werden sie so poliert. Im Gegenteil, man freut sich, wenn der Oberflächenglanz verschwindet und sie mit dem Alter schwarz anlaufen. Fast in jedem haus kommt es vor, dass eine unverständige Dienstmagd ein Silbergefäss mit wertvoller Patina blank scheuert und deswegen vom Hausherrn gescholten wird. Neuerdings ist in der chinesischen Küche Zinngeschirr weit verbreitet.

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Beschreibung

Produktdetails

Einband gebundene Ausgabe
Seitenzahl 91
Erscheinungsdatum 27.09.2010
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-7175-4082-3
Verlag Manesse Verlag
Maße (L/B/H) 20.3/13.3/1.5 cm
Gewicht 174 g
Originaltitel In 'ei-raisan
Abbildungen 1 Kalligrafie, farbige Illustrationen
Illustrator Suishu Klopfenstein-Arii
Übersetzer Eduard Klopfenstein
Verkaufsrang 17700
Buch (gebundene Ausgabe)
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