Sie nannten mich 'Es'

Der Mut eines Kindes zu überleben. Deutsche Erstausgabe

Das Trauma einer Kindheit: Dave wird von der eigenen Mutter gequält und misshandelt. Von blauen Flecken übersät und halb verhungert, fällt der Junge auf, weil er Mitschülern das Pausenbrot stiehlt. Bis seine Lehrer es wagen, gegen die Mutter einzuschreiten, vergehen Jahre. Es gelingt ihm, sich aus der Hölle zu befreien. Ein erschütternder Bericht, geschildert aus der Perspektive des kleinen Jungen, der uns alle mit der Frage konfrontiert, wie lange man die Augen vor elterlicher Gewalt verschliessen darf.

Portrait
Pelzer, Dave
Dave J. Pelzer, hat sich die Bekämpfung von Kindesmisshandlung unter dem Motto »Hilfe zur Selbsthilfe« zur Lebensaufgabe gemacht. Seit Beendigung seines Dienstes bei der U.S. Air Force unterstützt er die Arbeit verschiedener Kinderschutzorganisationen. Nicht zuletzt durch das detaillierte Offenlegen der eigenen Erfahrungen leistet er einen wichtigen Beitrag zur Sensibilisierung für dieses Thema in der ganzen Welt. Dave Palzer lebt mit seiner Frau Marsha, seinem Sohn Stephen und Schildkröte Chuck in Südkalifornien.
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  • 5. März 1973, Daly City, Kalifornien.

    Ich bin spät dran. Ich muss den Abwasch rechtzeitig fertig haben, sonst gibt's kein Frühstück. Und weil ich gestern Abend kein Abendbrot bekommen habe, muss ich sehen, dass ich etwas zu essen kriege. Mutter rennt herum und brüllt meine Brüder an. Ich höre, wie sie über den Flur in Richtung Küche eilt, und tauche die Hände schnell wieder in das kochend heisse Spülwasser - doch zu spät. Sie hat gesehen, dass ich die Hände nicht im Wasser hatte.
    KLATSCH! Mutter verpasst mir eine Ohrfeige und ich lasse mich auf den Boden fallen. Ich weiss, dass es nichts bringt, dazustehen und den Schlag einfach so hinzunehmen. Durchleidvolle Erfahrung habe ich gelernt, dass sie darin eine Trotzhandlung sieht, was bedeutet, dass ich noch mehr Schläge oder, das Schlimmste von allem, kein Essen bekomme. Ich rappele mich wieder auf und weiche ihren Blicken aus, während sie mich anschreit.
    Ich tue so, als sei ich eingeschüchtert und nicke zu ihren Drohungen. "Bitte", flehe ich stumm, "gib mir nur etwas zu essen. Schlag mich, aber lass mich nicht hungern." Sie schlügt noch einmal zu und ich knalle mit dem Kopf gegen die gekachelte Arbeitsfläche. Ich lasse Tränen vermeintlicher Unterwerfung über mein Gesicht kullern und sie stürmt, offenbar zufrieden mit sich, aus der Küche. Ich zähle ihre Schritte, um mich zu vergewissern, dass sie sich entfernt, dann seufze ich erleichtert auf. Der Trick hat funktioniert. Mutter kann mich schlagen, so viel sie will, aber sie kann meinen Willen, irgendwie zu überleben, nicht brechen.
    Ich erledige den Abwasch und dann meine anderen Aufgaben. Zur Belohnung bekomme ich ein Frühstück - das, was einer meiner Brüder von seinen Frühstückscerealien übrig gelassen hat. Heute gibt 's Lucky Charms. Es sind nur noch ein paar Krümel in einer halben Schale Milch übrig, aber ich schlinge alles, so schnell ich kann, hinunter, ehe Mutter es sich anders überlegt. Das ist schon öfter passiert. Mutter liebt es, Essen als Waffe einzusetzen. Sie ist nicht so dumm, Essensreste in den Mülleimer zu werfen. Sie weiss, dass ich sie später wieder raushole. Mutter kennt die meisten meiner Tricks.
    Minuten später sitze ich im alten Kombi der Familie. Weil ich mit meinen Verrichtungen so spät fertig geworden bin, muss Mutter mich zur Schule fahren. Normalerweise renne ich zur Schule und schaffe es gerade noch, zum Unterrichtsbeginn dazu sein, so dass mir keine Zeit bleibt, etwas aus den Lunchboxen der anderen Kinder zu stehlen.
    Mutter setzt meinen ältesten Bruder ab, aber mit mir fährt sie noch ein Stück weiter, um mir einen Vortrag über ihre Pläne für morgen zu halten. Sie wird mich zu ihrem Bruder bringen. "Onkel Dan wird sich um dich kümmern", sagt sie und lässt es wie eine Drohung klingen. Ich werfe ihr einen ängstlichen Blick zu, weil ich wirklich Angst habe. Doch ich weiss, dass mich mein Onkel, auch wenn er ein knallharter Bursche ist, sicher nicht so behandeln wird wie Mutter.
    Noch bevor der Kombi ganz zum Stehen gekommen ist, mache ich, dass ich hinauskomme. Mutter pfeift mich zurück. Ich habe meine zerknitterte Lunchtüte vergessen, die seit drei Jahren jeden Tag das Gleiche enthalt - zwei Erdnussbutterbrote und ein paar Möhrenstreifen. Ehe ich mich wieder verdrücken kann, befiehlt sie: "Sag ihnen... Sag ihnen, dass du gegen die Tür gerannt bist." Dann fügt sie in einem Ton, in dem sie selten mit mir spricht, hinzu "Schönen Tag noch." Ich schaue in ihre geschwollenen, blutunterlaufenen Augen. Sie hat immer noch einen Kater von der Sauferei von gestern Abend. Ihr einst schönes, glänzendes Haar ist jetzt nur noch eine verfilzte Mähne. Wie gewöhnlich trägt sie kein Make-up. Sie ist zu dick, und sie weiss es. Alles in allem ist dies mittlerweile Mutters typisches Aussehen.
    Weil ich zu spät gekommen bin, muss ich mich im Sekretariat melden. Die grauhaarige Sekretärin begrüsst mich mit einem Lächeln. Augenblicke später kommt die Schulkrankenschwester und führt mich in ihr Büro, wo wir unsere Routineprozedur durchlaufen. Zuerst untersucht sie mein Gesicht und meine Arme. "Was ist denn das da über deinem Auge?", fragt sie.
    Ich senke verschämt den Kopf. "Ach, ich bin gegen die Schultür gerannt... aus Versehen."
    Sie lächelt und nimmt ein Klemmbrett von einem Schrank. Sie überfliegt ein oder zwei Seiten und beugt sich anschliessend zu mir hinunter, um mir eine Eintragung zu zeigen. "Hier." Sie zeigt auf das Blatt. "Das hast du letzten Montag auch gesagt. Erinnerst du dich?"
    Ich erzähle schnell eine andere Geschichte. "Ich hab Baseball gespielt und den Schläger an den Kopf gekriegt. Es war ein Unfall. Ein Unfall. Das soll ich immer sagen. Doch die Krankenschwester weiss es besser. Sie bearbeitet mich so lange, bis ich mit der Wahrheit herausrücke. Am Ende werde ich immer weich und gestehe alles, auch wenn ich das Gefühl habe, dass ich meine Mutter schützen sollte.
    Die Krankenschwester sagt, dass die Wunde wieder heilen wird und bittet mich, meine Kleider auszuziehen. Da ich diese Prozedur bereits zur Genüge kenne, gehorche ich sofort. Mein langärmeliges T-Shirt hat mehr Löcher als ein Schweizer Käse. Seit zwei Jahren trage ich es tagein, tagaus. Mutter zwingt mich dazu. Es ist ihre Art, mich zu demütigen. Mit meiner Hose sieht's auch nicht besser aus und bei meinen Schuhen schauen die Zehen heraus. Ich kann meinen grossen Zeh aus einem Schuh herausstrecken. Während ich nur in Unterwäsche dastehe, notiert sich die Krankenschwester die verschiedenen Schrammen und blauen Flecken, die ich habe, auf einem Blatt. Sie zählt die Wunden in meinem Gesicht, um festzustellen, ob ihr zuvor vielleicht welche entgangen sein könnten. Sie ist sehr gründlich. Als Nächstes öffnet die Krankenschwester meinen Mund, um sich meine Zähne anzuschauen. Sie sind abgebrochen, als Mutter mich in der Küche mit dem Kopf gegen die Arbeitsfläche gestossen hat. Sie wirft noch ein paar Notizen aufs Papier. Als sie mich weiter untersucht, hält sie an der alten Narbe auf meinem Bauch inne. " Und das", sagt sie, "ist die Stelle, an der sie dir mit einem Messer in den Bauchgestochen hat?
    "Ja, Ma'am", antworte ich. "O nein!", denke ich. "Jetzt hab ich wieder was falsch gemacht... schon wieder." Die Krankenschwester muss die Sorge in meinen Augen gesehen haben. Sie legt das Klemmbrett weg und nimmt mich in die Arme. "Gott", denke ich, "sie ist so warm." Ich möchte, dass sie mich nie mehr loslässt. Ich möchte für immer von ihr gehalten werden. Ich kneife die Augen zu, und für einige Augenblicke existiert nichts anderes. Sie tätschelt mir den Kopf. Ich zucke zusammen. Die dicke Beule, die ich mir heute Morgen geholt habe, schmerzt. Die Krankenschwester lässt mich schliesslich los und verlässt das Zimmer. Ich schlüpfe rasch wieder in meine Kleider. Sie weiss es nicht, aber ich tue alles so schnell wie möglich.
    Die Krankenschwester kommt nach ein paar Minuten mit Mr. Hansen, dem Direktor, und zwei Lehrern von mir, Miss Woods und Mr. Ziegler, zurück. Mr. Hansen kennt mich sehr gut. Ich war öfter in seinem Büro als jedes andere Kind in der Schule. Er sieht auf das Blatt, während die Krankenschwester über den Befund Bericht erstattet. Er fasst mich unters Kinn. Ich habe Angst davor, ihm in die
    Augen zu schauen. Blicken auszuweichen, ist mir durch meine Versuche, mit meiner Mutter klarzukommen, fast schon zur zweiten Natur geworden. Doch es hat auch damit zutun, dass ich ihm nichts erzählen will. Vor etwa einem Jahr hat er Mutter einmal angerufen, um sie zu meinen blauen Flecken zu befragen. Zu jener Zeit hatte er keine Ahnung, was wirklich los war. Er wusste nur, dass ich ein verstörtes Kind war, das Essen stahl. Als ich am nächsten Tag zur Schule kam, sah er, was sein Anruf zur Folge gehabt hatte. Er rief Mutter nie wieder an.
    Mr. Hansen wettert, dass er jetzt die Nase voll habe. Mir läuft es kalt über den Rücken. Alle Alarmsirenen gehen los: "Er ruft bestimmt wieder Mutter an!" Ich breche zusammen und fange an zu weinen. Zitternd wie Espenlaub und wimmernd wie ein Kleinkind flehe ich ihn an, meine Mutter nicht anzurufen. "Bitte!", winsele ich, "nicht heute! Verstehen Sie denn nicht? Es ist Freitag.
    Mr. Hansen verspricht mir, dass er Mutter nichts sagen wird und schickt mich in meine Klasse. Weil der Unterricht schon angefangen hat, sprinte ich zu dem Klassenzimmer, in dem wir Englisch bei Mrs. Woodworth haben. Wir schreiben heute eine Klassenarbeit über die Schreibweise aller Bundesstaaten und ihrer Hauptstädte. Ich bin nicht vorbereitet. Ich war eigentlich immer ein sehr guter Schüler, aber in den letzten Monaten habe ich allem in meinem Leben den Rückengekehrt.
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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 160
Erscheinungsdatum 01.05.2000
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-15055-7
Verlag Goldmann
Maße (L/B/H) 17.9/12.4/1.3 cm
Gewicht 142 g
Originaltitel A Child called "It"
Übersetzer Ulrike Ziegra
Verkaufsrang 1471
Buch (Taschenbuch)
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Kundenbewertungen

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ERGREIFENDE AUFKLÄRUNG
von einer Kundin/einem Kunden aus Frankfurt am 12.01.2019

LESEN! LESEN! LESEN! Gleich vorab: Wahrscheinlich wäre heute so eine Rettung NICHT möglich: der Lehrer, der medizinische Dienst, der Polizist... Sie hätten ALLE zuerst die Erlaubnis der Mutter oder des Richters holen MÜSSEN, um ÜBERHAUPT die Daten austauschen zu können, denn der DATENSCHUTZ ist nun das WICHTIGSTE überhaupt! We... LESEN! LESEN! LESEN! Gleich vorab: Wahrscheinlich wäre heute so eine Rettung NICHT möglich: der Lehrer, der medizinische Dienst, der Polizist... Sie hätten ALLE zuerst die Erlaubnis der Mutter oder des Richters holen MÜSSEN, um ÜBERHAUPT die Daten austauschen zu können, denn der DATENSCHUTZ ist nun das WICHTIGSTE überhaupt! Wenn diese ganzen Menschen schon DAMALS "nur" ihre Jobs riskierten, heute hätten sie sogar mit Gefängnisstrafen rechnen müssen! Und solch eine Mutter hätte sie auch wirklich eingebuchtet. Ich wusste nicht, wie grausam ein Mensch (insbesondere MUTTER!) sein kann. Ich habe nun schreckliche Gewissensbisse, denn vor ein paar Jahren habe ich gesehen, wie eine Bekannte (die wohl BWL-Studium absolviert hatte) mit ihrem Ehemann (der ein Arzt war) öffentlich unglaublich grob ihre ältere 5-jährige Tochter angefasst haben. Nun frage ich mich, wie diese 2 Akademiker mit dem Kind zu Hause umgegangen sind. Ich habe versucht, sie im Internet zu finden, um zu erfahren, wie es dem Kind nun geht, denn sie waren kurz darauf in für mich unbekannter Richtung weggezogen. Erfolglos. Ich schäme mich... LESEN! LESEN! LESEN!

von einer Kundin/einem Kunden am 12.10.2018
Bewertet: anderes Format

Erschütternd und erschreckend. Die Geschichte eines kleinen Jungen, der viel zu lange leidet und dem viel zu lange nicht geholfen wird.

ein Teil der Geschichte meines neuen Kindes
von einer Kundin/einem Kunden am 17.07.2017

Wir haben uns entschlossen, einen gerade so erwachsenen, mittellosen Menschen in unsere Familie aufzunehmen und dem Menschen die Sicherheit, Wärme, Liebe und Geborgenheit zu geben, die nicht vorhanden war und um die sich der tägliche Kampf drehte. Physische und psychische Gewalt in Form von Vernachlässigung, Missbrauch, Misshand... Wir haben uns entschlossen, einen gerade so erwachsenen, mittellosen Menschen in unsere Familie aufzunehmen und dem Menschen die Sicherheit, Wärme, Liebe und Geborgenheit zu geben, die nicht vorhanden war und um die sich der tägliche Kampf drehte. Physische und psychische Gewalt in Form von Vernachlässigung, Missbrauch, Misshandlungen, Mobbing, abgeschoben werden, keine Liebe zu bekommen und daraus resultierende psychische Abstürze, Gewalt gegen andere, schulischem Absturz bis hin zu Suizidversuchen waren der Lebensinhalt. Die Großeltern waren der einzige aber nun nicht mehr vorhandene Halt. Ansonsten waren die Aufenthaltsorte über kurze oder längere Zeit Kinderheim, Psychiatrie, Krankenhaus, mehrere Wohngruppen, Bekannte und künftig, wenn wir uns nicht zufällig begegnet wären, die Straße. Dieser junge Mensch - mein Kind - hat eine Zukunft mehr als verdient. In einem Gespräch kamen wir auf das Thema Einschlafprobleme und ich erfuhr mehr nebenbei, dass in dem Fall nur eine Bettlektüre in Frage kommt: dieses Buch. Das Buch ist wie die eigenen Geschichte, nicht haargenau so und nur ein Teil davon und nahezu unfassbar. - Als ich das Buch zwei Tage später in den Händen hielt, war ich mir nicht sicher, ob ich es überhaupt lesen wollte. Alleine das Buch überhaupt aufzuschlagen kostete mich mehrere Stunden und viel Überwindung. Dann zu lesen, was dem Kind David passierte und nur erahnen zu können, wie das Leben meines Kindes in seinem früheren Leben ausgesehen hat, zerriss mir das Herz und hilft mir dennoch, den jungen Menschen vor mir, der mir unglaublich viel bedeutet und ein Teil meines Lebens geworden ist, Stück für Stück zu verstehen.