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Die Kammer

Roman

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Taschenbuch

»John Grisham in Höchstform.« The New York Times

Im Hochsicherheitstrakt des Staatsgefängnisses von Mississippi wartet Sam Cayhall auf seine Hinrichtung. Er ist wegen eines tödlichen Bombenanschlags verurteilt. Seine Lage ist hoffnungslos. Nur der Anwalt Adam Hall kann ihm noch eine Chance bieten. Es geht um Tage, Stunden, Minuten.

Portrait
Grisham, John
John Grisham hat 31 Romane, ein Sachbuch, einen Erzählband und sechs Jugendbücher veröffentlicht. Seine Bücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Er lebt in Virginia.
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    Der Entschluss, das Büro des radikalen jüdischen Anwalts in die Luft zu sprengen, wurde relativ mühelos getroffen. Nur drei Leute waren an der Ausführung beteiligt. Der erste war der Mann mit dem Geld. Der zweite war ein Einheimischer, der das Terrain kannte. Und der dritte war ein junger Patriot und Fanatiker mit einem Talent für Sprengstoffe und einer erstaunlichen Fähigkeit, spurlos zu verschwinden. Nach dem Bombenanschlag flüchtete er aus dem Land und tauchte sechs Jahre in Nordirland unter.
    Der Name des Anwalts war Marvin Kramer, ein Jude, dessen mit Handel wohlhabend gewordene Familie seit vier Generationen in Mississippi lebte. Er wohnte in einem Vorkriegshaus in Greenville, einer Stadt am Fluss mit einer kleinen, aber einflussreichen jüdischen Gemeinde, einem netten Ort, der nur wenige Rassenunruhen erlebt hatte. Er war Anwalt geworden, weil der Handel ihn langweilte. Wie den meisten Juden deutscher Abstammung war es auch seiner Familie ohne grosse Mühe gelungen, sich an die Kultur des Tiefen Südens anzupassen, und sie hielten sich für nichts anderes als für typische Südstaatler, die nur zufällig eine andere Religion hatten. Sie verschmolzen mit dem Rest der etablierten Gesellschaft und gingen ihren Geschäften nach.
    Marvin war anders. Sein Vater schickte ihn Ende der fünfziger Jahre auf die Universität Brandeis im Norden. Dort verbrachte er vier Jahre und anschliessend drei Jahre an der juristischen Fakultät der Columbia University, und als er 1964 nach Greenville zurückkehrte, war die Bürgerrechtsbewegung in Mississippi in vollem Gange. Marvin stürzte sich ins Getümmel. Knapp einen Monat nach Eröffnung seiner kleinen Kanzlei wurde er zusammen mit zwei Mitstudenten aus Brandeis verhaftet, weil er versucht hatte, schwarze Wähler zu registrieren. Sein Vater war wütend. Seine Familie war peinlich berührt, aber das kümmerte Marvin nicht im geringsten. Er erhielt seine erste Todesdrohung im Alter von fünfundzwanzig Jahren und legte sich eine Waffe zu. Er kaufte eine Pistole für seine Frau, die aus Memphis stammte, und wies ihr schwarzes Dienstmädchen an, immer eine Waffe in der Handtasche bei sich zu tragen. Die Kramers hatten zwei Söhne, zwei Jahre alte Zwillinge.
    Die erste Zivilklage, die 1965 von der Kanzlei von Marvin B. Kramer und Partner (noch gab es keine Partner) eingereicht wurde, richtete sich gegen eine Unmenge angeblich diskriminierender Wahlpraktiken lokaler Amtsträger. Sie machte Schlagzeilen im ganzen Staat, und Marvins Foto erschien in den Zeitungen. Ausserdem wurde sein Name vom Ku-Klux-Klan auf eine Liste zu verfolgender Juden gesetzt. Er war ein radikaler jüdischer Anwalt mit einem Bart und entschieden zu liberalen Ansichten, ausgebildet von Juden im Norden und jetzt damit beschäftigt, mit den Negern im Mississippi-Delta zu marschieren und sie zu vertreten. Das würde man nicht dulden.
    Später gab es Gerüchte, dass Anwalt Kramer aus eigenen Mitteln Kautionen für Freedom Riders und andere Bürgerrechtler stellte. Er reichte Klagen ein gegen Einrichtungen, die nur für Weisse zugänglich waren. Er bezahlte für den Wiederaufbau einer vom Klan gesprengten Schwarzenkirche. Er wurde sogar dabei beobachtet, wie er Neger in seinem Haus willkommen hiess. Er hielt Reden vor jüdischen Vereinigungen im Norden und drängte sie, sich am Kampf zu beteiligen. Er schrieb flammende Briefe an Zeitungen, von denen nur wenige gedruckt wurden. Anwalt Kramer marschierte tapfer seiner Vernichtung entgegen.
    Die Anwesenheit eines Nachtwächters, der friedlich zwischen den Blumenbeeten patrouillierte, verhinderte eine Attacke auf das Haus der Kramers. Marvin bezahlte den Wachmann damals bereits seit zwei Jahren. Er war ein ehemaliger Polizist und schwer bewaffnet, und die Kramers liessen ganz Greenville wissen, dass sie von einem Meisterschützen bewacht wurden. Natürlich wusste der Klan über den Wachmann Bescheid, und er wusste auch, dass er gegen ihn nichts ausrichten konnte. Deshalb wurde der Beschluss gefasst, anstelle von Marvin Kramers Haus sein Büro in die Luft zu sprengen.
    Die eigentliche Planung des Unternehmens dauerte nicht lange, in erster Linie deshalb, weil nur so wenige Personen daran beteiligt waren. Der Mann mit dem Geld, ein wortgewaltiger Prophet der weissen Vorherrschaft namens Jeremiah Dogan, war damals Imperial Wizard und damit Anführer des Klans in Mississippi. Sein Vorgänger war im Gefängnis gelandet, und Jerry Dogan genoss es, die Bombenanschläge zu organisieren. Er war nicht dumm. Im Gegenteil, das FBI gab später zu, dass Dogan als Terrorist Beachtliches geleistet hatte, weil er die schmutzige Arbeit an kleine, autonome Gruppen von Ausführenden delegierte, die völlig unabhängig voneinander operierten. Das FBI hatte es geschafft, den Klan mit Informanten zu infiltrieren, und Dogan traute niemandem ausser Angehörigen seiner Familie und einer Handvoll Komplizen. Ihm gehörte die grösste Gebrauchtwagenfirma in Meridian, Mississippi, und er machte eine Menge Geld mit allen möglichen zwielichtigen Geschäften. Manchmal predigte er in ländlichen Kirchen.
    Der zweite Angehörige des Teams war ein Klansmann namens Sam Cayhall aus Clanton, Mississippi, in Ford County, drei Autostunden nördlich von Meridian und eine Stunde südlich von Memphis. Das FBI wusste über Cayhall Bescheid, nicht aber über seine Verbindung zu Dogan. Das FBI hielt ihn für harmlos, weil er in einem Teil des Staates lebte, in dem es kaum Klan-Aktivitäten gab. In letzter Zeit waren in Ford County ein paar Kreuze angezündet worden, aber es hatte keine Sprengstoffanschläge gegeben, keine Morde. Das FBI wusste, dass auch Cayhalls Vater dem Klan angehört hatte, aber aufs Ganze gesehen schien die Familie ziemlich passiv zu sein. Dass Dogan Sam Cayhall anwarb, war ein brillanter Schachzug.
    Der Anschlag auf Kramers Büro begann mit einem Telefonanruf am Abend des 17. April 1967. Weil er mit gutem Grund argwöhnte, dass sein Telefon angezapft war, wartete Jeremiah Dogan bis Mitternacht und fuhr dann zu einem Münzfernsprecher an einer Tankstelle südlich von Meridian. Ausserdem argwöhnte er, dass das FBI ihn beschattete, was übrigens zutraf. Sie beobachteten ihn, aber sie hatten keine Ahnung, wen er anrief.
    Sam Cayhall hörte am anderen Ende aufmerksam zu, stellte ein oder zwei Fragen, dann legte er auf. Er kehrte in sein Bett zurück, ohne seiner Frau etwas zu sagen. Sie wusste, dass sie nicht fragen durfte. Am nächsten Morgen verliess er früh das Haus und fuhr in die Stadt Clanton. Er frühstückte wie jeden Tag in The Coffee Shoppe, dann telefonierte er von einem Münzfernsprecher im Gerichtsgebäude von Ford County.
    Zwei Tage später, am 20. April, verliess Cayhall bei Anbruch der Dunkelheit Clanton und fuhr zwei Stunden nach Cleveland, Mississippi, einer College-Stadt im Delta, eine Fahrstunde von Greenville entfernt. Dort wartete er vierzig Minuten auf dem Parkplatz eines belebten Einkaufszentrums, konnte aber keinen grünen Pontiac entdecken. Er ass ein gebratenes Hähnchen in einem billigen Restaurant, dann fuhr er nach Greenville, um die Kanzlei von Marvin B. Kramer und Partner auszukundschaften. Cayhall hatte zwei Wochen zuvor einen Tag in Greenville verbracht und kannte die Stadt ziemlich gut. Er fand Kramers Büro, dann fuhr er an seinem stattlichen Haus vorbei und danach zurück zur Synagoge. Dogan hatte gesagt, die Synagoge käme möglicherweise als nächstes an die Reihe, aber zuerst müssten sie dem jüdischen Anwalt eine Lektion erteilen. Um elf war Cayhall wieder in Cleveland, und der grüne Pontiac stand nicht auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums, sondern vor einer Raststätte am Highway 61, einem Ort, der als zweite Wahl vorgesehen war. Er fand den Zündschlüssel unter der Bodenmatte auf der Fahrerseite und machte sich zu einer Spritztour durch die üppigen Felder des Deltas auf. Er bog auf eine Farmstrasse ab und öffnete den Kofferraum. In einem mit Zeitungspapier abgedeckten Karton fand er fünfzehn Stangen Dynamit, drei Sprengkapseln und eine Zündschnur. Er fuhr zurück und wartete in einem Lokal, das die ganze Nacht geöffnet hatte.
    Um genau zwei Uhr erschien das dritte Mitglied des Teams in der belebten Raststätte und liess sich Sam Cayhall gegenüber nieder. Sein Name war Rollie Wedge; er war ein junger Mann, nicht älter als zweiundzwanzig, und dennoch ein vertrauenswürdiger Veteran des Krieges gegen die Bürgerrechtsbewegung. Er sagte, er käme aus Louisiana und wohnte jetzt irgendwo in den Bergen, wo ihn niemand finden konnte, und obwohl er sich nie mit seinen Taten brüstete, hatte er Sam Cayhall mehrmals erzählt, dass er fest damit rechnete, im Kampf um die Vorherrschaft der Weissen ums Leben zu kommen. Sein Vater gehörte zum Klan und besass eine Abbruchfirma, und von ihm hatte Rollie den Umgang mit Sprengstoff gelernt.
    Sam wusste kaum etwas von Rollie Wedge und glaubte nicht viel von dem, was er ihm erzählte. Er fragte Dogan nie, wo er den Jungen aufgetrieben hatte.
    Sie tranken Kaffee und unterhielten sich eine halbe Stunde über Belanglosigkeiten. Cayhalls Becher zitterte gelegentlich vor Nervosität, aber Rollie war ganz ruhig. Er zuckte nicht einmal mit den Augenlidern. Es war nicht ihr erstes Zusammentreffen dieser Art, und Cayhall staunte über soviel Gelassenheit bei einem derart jungen Mann. Er hatte Jeremiah Dogan berichtet, dass der Junge nie in Aufregung geriet, nicht einmal dann, wenn sie sich ihrem Ziel näherten und er mit dem Dynamit hantierte.
    Wedge fuhr einen Wagen, den er am Flughafen von Memphis gemietet hatte. Er holte einen kleinen Beutel vom Rücksitz, verschloss den Wagen und liess ihn an der Raststätte stehen. Der grüne Pontiac mit Cayhall am Steuer verliess Cleveland und fuhr auf dem Highway 61 in Richtung Süden. Es war fast drei Uhr, und es herrschte keinerlei Verkehr. Ein paar Meilen südlich des Dorfes Shaw bog Cayhall auf einen dunklen Feldweg ab und hielt an. Rollie wies ihn an, im Wagen zu bleiben, während er den Sprengstoff inspizierte. Sam gehorchte. Rollie nahm seinen Beutel mit zum Kofferraum, wo er das Dynamit, die Sprengkapseln und die Zündschnur begutachtete. Er liess den Beutel im Kofferraum, machte ihn zu und befahl Sam, nach Greenville zu fahren.
    Gegen vier Uhr fuhren sie zum erstenmal an Kramers Kanzlei vorbei. Die Strasse war dunkel und menschenleer, und Rollie sagte etwas in dem Sinne, dass dies sein bisher einfachster Job sein würde.
    »Ein Jammer, dass wir nicht sein Haus in die Luft jagen können«, meinte er leise, als sie am Haus der Kramers vorbeifuhren.
    »Ja, ein Jammer«, sagte Sam nervös. »Aber du weisst doch, er hat einen Wachmann.«
    »Ja, ich weiss. Aber der Wachmann wäre kein Problem.«
    »Ja, kann sein. Aber da drin sind Kinder.«
    »Man muss sie umbringen, solange sie noch jung sind«, sagte Rollie. »Aus kleinen Judenjungen werden grosse Judenschweine.«
    Cayhall parkte den Wagen in einer Gasse hinter Kramers Büro. Er schaltete den Motor aus, und die beiden Männer öffneten leise den Kofferraum, holten den Karton und den Beutel heraus und schlichen an einer Hecke entlang zur Hintertür.
    Sam Cayhall brach mit einem Stemmeisen die Hintertür des Büros auf, und binnen Sekunden waren sie drinnen. Zwei Wochen zuvor hatte Sam vorgegeben, er hätte sich verlaufen, und die Empfangsdame nach dem Weg gefragt, dann hatte er darum gebeten, die Toilette benutzen zu dürfen. Auf dem Hauptflur, auf halbem Wege zwischen der Toilette und dem, was offenbar Kramers Büro war, stand ein schmaler, mit Stapeln von alten Akten und anderem juristischen Abfall gefüllter Schrank.
    »Bleib an der Tür und beobachte die Gasse«, flüsterte Rollie gelassen, und Sam hielt sich nur allzugern an diese Aufforderung. Ihm war es lieber, einfach nur Wache zu schieben, statt selber mit dem Sprengstoff herumzuhantieren.
    Rollie stellte rasch den Karton auf den Boden des Schrankes und verdrahtete das Dynamit. Es war ein riskantes Unternehmen, und Sams Herz raste, während er wartete. Er wendete dem Sprengstoff immer den Rücken zu, für den Fall, dass etwas passierte.
    Sie hielten sich keine fünf Minuten in dem Büro auf. Dann waren sie wieder in der Gasse und schlenderten in aller Ruhe zu dem grünen Pontiac. Es war alles so einfach. Sie hatten das Büro eines Grundstücksmaklers in Jackson in die Luft gesprengt, weil der Mann ein Haus an ein schwarzes Ehepaar verkauft hatte. Es war ein jüdischer Makler gewesen. Sie hatten eine kleine Zeitungsredaktion gesprengt, weil der Herausgeber sich neutral über die Rassentrennung geäussert hatte. Sie hatten eine Synagoge in Jackson zerstört, die grösste im ganzen Staat.
    Im Dunkeln fuhren sie durch die Gasse, und als der grüne Pontiac eine Nebenstrasse erreicht hatte, schaltete Sam die Scheinwerfer ein.
    Bei sämtlichen früheren Anschlägen hatte Wedge eine Fünfzehn-Minuten-Zündschnur benutzt, eine, die einfach mit einem Streichholz angezündet wurde, ähnlich wie ein Feuerwerkskörper. Und ein Teil der Übung war gewesen, dass die beiden Attentäter mit heruntergekurbelten Fenstern irgendwo am Ortsrand herumfuhren, wenn die Sprengladung hochging. Sie hatten jede der früheren Explosionen gehört und gespürt, in angemessener Entfernung, während sie sich in aller Seelenruhe in Sicherheit brachten.
    Aber in dieser Nacht würde es anders sein. Sam bog irgendwo falsch ab, und plötzlich standen sie an einem Bahnübergang mit blinkenden Warnlichtern, während vor ihnen ein Güterzug vorbeirumpelte. Ein ziemlich langer Güterzug. Sam sah mehr als einmal auf die Uhr. Rollie sagte nichts. Der Zug war vorbei, und Sam bog abermals falsch ab. Sie waren in der Nähe des Flusses, mit einer Brücke in einiger Entfernung, und die Strasse war mit heruntergekommenen Häusern gesäumt. Sam schaute einmal mehr auf die Uhr. In weniger als fünf Minuten würde die Erde erbeben, und er zog es vor, in der Dunkelheit eines einsamen Highways zu verschwinden, wenn es passierte. Rollie zappelte einmal, als wäre er verärgert über seinen Fahrer, sagte aber nichts.
    Und wieder um die Ecke in die nächste Strasse. Greenville war keine sonderlich grosse Stadt, und Sam dachte, wenn er auch weiterhin immer neue Abzweigungen nahm, würde er schon irgendwann wieder in eine vertraute Gegend kommen. Die nächste Kehre aber erwies sich als die letzte. Sam stieg auf die Bremse, sobald ihm bewusst wurde, dass er in der falschen Richtung in eine Einbahnstrasse abgebogen war, und als er auf die Bremse trat, setzte der Motor aus. Er riss den Schalthebel auf Parken und drehte den Zündschlüssel. Der Anlasser lief einwandfrei, aber der Motor wollte einfach nicht starten. Dann Benzingeruch.
    »Verdammt!« sagte Sam mit zusammengebissenen Zähnen. »Verdammt!«
    Rollie sass tief in seinem Sitz und schaute aus dem Fenster.
    »Verdammt! Er ist abgesoffen!« Er drehte abermals den Zündschlüssel, mit dem gleichen Ergebnis.
    »Mach die Batterie nicht leer«, sagte Rollie langsam, gelassen.
    Sam war einer Panik nahe. Obwohl er sich verirrt hatte, war er ziemlich sicher, dass sie nicht weit von der Innenstadt entfernt waren. Er holte tief Luft und beobachtete die Strasse. Noch ein Blick auf die Uhr. Es waren keine anderen Fahrzeuge in Sicht. Alles ruhig. Es war die perfekte Szenerie für ein Sprengstoffattentat. Er konnte das Feuer sehen, das sich auf den Fussbodendielen entlangfrass. Er konnte die Erschütterung der Erde spüren. Er konnte das Getöse von berstendem Holz und Gipsplatten, Ziegelsteinen und Glas hören. Verdammt, dachte Sam, während er versuchte, sich zu beruhigen, wir könnten sogar von den Trümmern getroffen werden.
    »Man hätte meinen sollen, dass Dogan uns einen anständigen Wagen schickt«, murmelte er. Rollie reagierte nicht, sondern hielt den Blick auf etwas ausserhalb des Wagens gerichtet.
    Seit sie Kramers Büro verlassen hatten, waren mindestens fünfzehn Minuten vergangen, und es wurde Zeit für das Feuerwerk. Sam wischte sich Schweissperlen von der Stirn und versuchte noch einmal, den Wagen zu starten. Zu seiner grossen Erleichterung klappte es. Er grinste Rollie an, der einen vollkommen gleichgültigen Eindruck machte, und setzte den Wagen ein paar Meter zurück, dann gab er Gas. Die erste Strasse kam ihm bekannt vor, und zwei Blocks weiter waren sie auf der Main Street. »Was für eine Zündschnur hast du benutzt?« fragte Sam schliesslich, als sie auf den Highway 82 abbogen, kaum zehn Blocks von Kramers Büro entfernt.
    Rollie zuckte die Achseln, als wäre das seine Sache und Sam hätte nicht zu fragen. Sie wurden langsamer, als sie ein stehendes Polizeifahrzeug passierten, dann hatten sie den Stadtrand erreicht, und Sam beschleunigte. Minuten später lag Greenville hinter ihnen.
    »Was für eine Zündschnur hast du benutzt?« fragte Sam noch einmal mit einem Anflug von Gereiztheit in der Stimme.
    »Ich habe was Neues ausprobiert«, erwiderte Rollie, ohne ihn anzusehen.
    »Was?«
    »Würdest du nicht verstehen«, sagte Rollie, und Sam wurde allmählich richtig wütend.
    »Einen Zeitzünder?« fragte er ein paar Meilen weiter.
    »So etwas Ähnliches.«

    Sie fuhren in völligem Schweigen nach Cleveland. Ein paar Meilen lang, während die Lichter von Greenville in der flachen Landschaft verschwanden, hatte Sam halb damit gerechnet, einen Feuerball zu sehen oder ein fernes Rumpeln zu hören. Nichts passierte. Wedge brachte es sogar fertig, ein Nickerchen zu machen.
    Die Raststätte war voll, als sie ankamen. Wie immer liess Rollie sich einfach von seinem Sitz gleiten und machte die Beifahrertür hinter sich zu. »Bis zum nächsten Mal«, sagte er mit einem Lächeln durch das offene Fenster hindurch, dann ging er zu seinem Mietwagen. Sam schaute ihm nach und staunte abermals über seine Unerschütterlichkeit.
    Inzwischen war es kurz nach halb sechs, und im Osten durchbrach ein Anflug von Orange die Dunkelheit. Sam lenkte den grünen Pontiac auf den Highway 61 und fuhr südwärts.

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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 688
Erscheinungsdatum 01.07.1996
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-453-10857-8
Verlag Heyne
Maße (L/B/H) 18.5/11.8/4.5 cm
Gewicht 471 g
Auflage 21. Auflage
Verkaufsrang 73887
Buch (Taschenbuch)
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Mörder und Großvater
von Blacky am 27.01.2014
Bewertet: Format: eBook (ePUB)

Seit fast zehn Jahren sitzt der alte Sam Cayhall in der Todeszelle und wartet auf seine Hinrichtung. Obwohl er von der Schuld seines Mandanten überzeugt ist, bemüht sich der junge Anwalt Adam Hall um einen Aufschub der Vollstreckung. Denn Sam Cayhall ist sein Großvater, und Adam hofft, durch den Prozeß Aufklärung über seine zers... Seit fast zehn Jahren sitzt der alte Sam Cayhall in der Todeszelle und wartet auf seine Hinrichtung. Obwohl er von der Schuld seines Mandanten überzeugt ist, bemüht sich der junge Anwalt Adam Hall um einen Aufschub der Vollstreckung. Denn Sam Cayhall ist sein Großvater, und Adam hofft, durch den Prozeß Aufklärung über seine zerstrittene Familie zu erhalten Dieses Buch macht einen sehr nachdenklich. Auf der einen Seite der zu Recht verurteilte Mörder , auf der anderen Seite der Großvater als Familienmitglied. Es geht einem durch und durch. Selbstverständlich stellt man sich auch die Frage, ob die Todesstrafe in der heutigen Zeit überhaupt noch angemessen ist.. Absolut spannend erzählt.

Klassiker von John Grisham!
von einer Kundin/einem Kunden aus fulda am 27.11.2011

Wie immer schreibt auch John Grisham hier wieder in seiner gewohnten Manier. Spannende Momente, gut beschriebene Szenenbilder und absolut glaubwürdige Figuren machen dieses Buch zu einem absoluten Muss eines jeden Fans, aber auch für nicht John Grisham Leser ist dieses Buch ein gelungener Anfang, um ein Fan zu werden!

John Grisham pur!!!
von Jacqueline aus Hamburg am 29.05.2010

Für mich als John Grisham- Fan ist dies eins seiner besten Bücher über Sam Cayhall, der in der Todeszelle sitzt... unbedingt lesen!!! Die Verfilmung mit GEne Hackman ist grandios.