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Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen

Die Geschichte der Shirin-Gol



Auf einer ihrer zahlreichen Reisen nach Afghanistan, dem Land unter dem Hindukusch, begegnet die Dokumentarfilmerin Siba Shakib in einem Flüchtlingslager Shirin-Gol. Sie ist spontan gefesselt von der Kraft und Ausstrahlung dieser Frau, die ihr ihr Leben erzählt - ein Leben, das exemplarisch ist für das Schicksal Tausender afghanischer Frauen. Als Shirin-Gol in einem abgelegenen Bergdorf Afghanistans geboren wird, scheint der Gleichklang ihrer Welt, eingebettet in jahrhundertealte Traditionen, ungestört. Die "Süsse Blume", so die Bedeutung ihres Namens, wächst auf in Armut, Korangläubigkeit und Enge des islamischen Frauenbildes. Doch dann marschieren die Russen in Afghanistan ein, und Shirin-Gols Vater und ihre Brüder ziehen sich in die Berge zurück, um Widerstand zu leisten. Ihre Schwestern aber legen den Schleier ab und verführen russische Soldaten, aber nur, um sie zu ermorden. Verstört kehren sie zurück aus einer Welt, die Shirin-Gol nicht begreift. Aber dann fliehen die Frauen nach Kabul. Hier entdeckt Shirin-Gol eine Freiheit, deren Zauber sie nie mehr vergessen wird und aus der sie die innere Stärke für alles Kommende bezieht - für den Mann, dem sie vom Bruder als Ausgleich für Spielschulden zur Frau gegeben wird, für Verfolgung, Vergewaltigung und Flucht vor dem Taleban-Regime. Immer wieder sucht sie für ihre Familie einen Ort, der ein bisschen Geborgenheit, ein bisschen Wärme und einen Schimmer vom Glück, das Leben heisst, verspricht.

Rezension
"Siba Shakib hat mit dem erschütternden Bericht der Shirin-Gol den gesichts- und körperlosen Frauen von Afghanistan eine Stimme gegeben. Möge ihr Buch viele Leserinnen und Leser finden, damit wir die Menschen dieses geschundenen Landes besser verstehen können." (Ingeborg Schäuble, Vorsitzende der Deutschen Welthungerhilfe)

"Ich habe selber gesehen und gespürt, was es bedeutet, wenn Frauen jedes Recht, jede Würde verloren haben. Wenn die Würde der Menschen antastbar ist. Wenn Menschen kein Recht auf Arbeit, Erziehung, Gesundheit, kein Recht auf Zukunft haben. Weil sie Frauen und Mädchen sind. Die Frauen haben uns immer wieder angefleht, gebt uns wenigstens unsere Stimme wieder. Siba Shakib ist das mit ihrem wunderbaren Buch auf beeindruckende Weise gelungen." (Claudia Roth, Vorsitzende des Bündnis 90 / Die Grünen)
Portrait
Shakib, Siba
Siba Shakib wurde im Iran geboren, wuchs in Teheran auf und besuchte dort die deutsche Schule. Seit vielen Jahren arbeitet sie als Autorin und Filmemacherin. Ihr erstes Buch »Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen« war Nummer 1 der Spiegel-Bestsellerliste und wurde in 16 Länder verkauft. Sie lebt abwechselnd in Deutschland, New York und Italien.
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  • Wie es dazu kam

    Wie heisst du?
    Shirin-Gol.
    Ist das dein Kind?
    Bale. Ja.
    Und das da? Bale.
    Das etwa auch? Bale.
    Die beiden Jungen da? Willst du sagen, das sind Brüder? Ja. Meine Söhne, Navid und Nabi. Ich habe sie selber geboren.
    Der Beamte Malek bleibt skeptisch, haut seinen Stempel trotzdem auf das dünne Papier, das von dem stundenlangen Schweiss aus Shirin-Gols Händen feucht und labberig geworden ist.
    Geh da hinten hin, befiehlt Malek und macht sich wichtig. Zeig meinen Kollegen dort diesen Zettel, sag ihnen, Herr Malek schickt dich, dann wird es keine Probleme geben, und du bekommst deine Weizensäcke. Einen für deinen Mann, einen für dich selber und einen für jedes deiner Kinder. Verstanden? Jeweils einen Sack.
    Das Gesicht der Frau ist vollkommen verschleiert, das feine Netz vor ihren Augen ist zu dicht, um auch nur den leisesten Eindruck von ihren Augen zu bekommen. Doch trotz ihrer Gesichtslosigkeit sind ihre Wut, ihre Scham, das Gefühl der Erniedrigung genau zu spüren. Auch wenn ich nicht weiss, ob sie mich ansieht, lächle ich, bringe meine Sympathie zum Ausdruck. Sie soll wissen, dass ich mich nicht mit Malek, sondern mit ihr verbunden fühle.
    Hast du das gesehen?, fragt Malek, als wären wir alte Freunde oder verwandt oder verschwägert. Er tut, als seien wir Verbündete, Vertraute. Er und ich auf der einen Seite und die Menschen um uns herum auf der anderen Seite. Ich mache einen Schritt zurück, sehe ihn nicht an.
    Malek weiss genau, dass er einfach nur Glück gehabt hat, nicht auf der anderen Seite des Schicksals zu stehen, da, wo er auf den Weizen hoffen muss. Da, wo er einen Stempel braucht, eine Genehmigung, die Gnade eines Landsmannes. Dieses Mal. Dieses Mal hat er Glück. Dieses Mal hat er Arbeit und gehört damit zu einer Hand voll Privilegierter.
    Seit die Vereinten Nationen dieses Übergangslager für afghanische Rückkehrer aus dem Iran eingerichtet haben, verdient er jeden Monat umgerechnet ungefähr 6O Dollar und kann damit seine eigene Familie und die seines Bruders ernähren. Zumal mindestens einmal in der Woche der eine oder andere Sack Weizen, der den Heimkehrern die Rückkehr erleichtern soll, seinen eigentlichen Besitzer nicht findet und Malek ihn für gutes Geld verkauft.

    Hast du das gesehen?, wiederholt er mit Wichtigstimme.
    Ja, sage ich trocken, tue, als würde mich das Schicksal von Shirin-Gol, der Frau mit dem feuchten Zettel und den vier Kindern, die aussehen, als wären sie von unterschiedlichen Müttern und Vätern, nicht interessieren. Malek ist enttäuscht, sein lüsterner Blick weicht einem fast kindlichen Trotz.
    Ich kann mir schon vorstellen, worüber Malek sich gerne mit mir unterhalten hätte, während seine Landsleute in einer endlos langen Schlange auf dem sandigen Boden in der prallen Sonne hocken und darauf warten, von ihm den Stempel zu bekommen.
    Wahrscheinlich will er mir erklären, dass Shirin-Gol sich die Kinder nur ausgeliehen hat, um mehr Weizen zu bekommen, als ihr zusteht. Anschliessend wird sie die Armen auf der Strasse aussetzen, und er, Malek, wird sie dann aufsammeln und zusehen müssen, wo er sie unterbringt. Oder er wird mir erzählen, Shirin-Gol habe, wie viele andere afghanische Frauen auch, ihren Körper verkauft und sich von unterschiedlichen Männern schwängern lassen.
    Herr Malek, komme ich ihm zuvor, bitte entschuldigen Sie mich. Mir ist es hier zu heiss und zu windig, ich werde mir einen schattigen Platz suchen. Vielen Dank, dass Sie mir erlaubt haben, Ihnen bei der Arbeit zusehen zu dürfen.
    Sie haben doch noch gar nichts gesehen, protestiert Malek.
    Ich komme später wieder, lüge ich und verschwinde zwischen den blauen Plastikzelten. Ich will nicht, dass Malek mitbekommt, wo ich bin und mit wem ich spreche.
    Es ist, wie ich befürchtet hatte. Von den Kindern, die aussehen, als wären sie von unterschiedlichen Müttern und Vätern, fehlt weit und breit jede Spur, und ich habe mir Shirin-Gols Schuhe nicht angesehen. Die Schuhe der Frauen sind das einzige Erkennungsmerkmal. Ein blaues, plissiertes Tuch verdeckt die Frauen von Kopf bis Fuss, macht alle gleich, entmenschlicht sie. Wie soll ich Shirin-Gol finden? Hier wimmelt es nur so von den blauen buqhras, die sich im Wind mal an die dünnen Körper der Frauen pressen und mal aufblähen, als seien sie Ballone, als würden die Frauen gleich in den Himmel abheben und davonschweben. Immer wieder versuche ich, durch die feinmaschigen Netze vor den Augen der lebenden Gespenster menschliche Gesichter zu erkennen.
    Unentschlossen stehe ich mitten zwischen den vielen Tüchern herum und starre vor mich hin. Ich will nicht mehr. Seit anderthalb Monaten bin ich schon wieder in Afghanistan. Ich bin müde, erschöpft. Der ständige, staubige Wind und die von der Sonne aufgeheizte, trockene Luft machen selbst das Atmen zum Kraftakt. Dann bin ich eben eine Memme. Na und? Ich will keine Geschichten mehr hören von Menschen, die alles verloren haben, alles, bis auf ihre Angst, ihren Hunger, ihren Schmerz, ihr Elend, ihre Armut, ihre Krankheiten und ihr bisschen Hoffnung, dass vielleicht doch noch alles gut werden wird.
    Vielleicht sollte ich mich einfach irgendwo in den Schatten verziehen. Vielleicht sollte ich mir ein leeres Zelt suchen, mich hinlegen und schlafen. Ich könnte aber auch in einen der leeren Lastwagen steigen, die zurück zur Grenze fahren, um neue Flüchtlinge aufzuladen. Noch heute Abend wäre ich wieder in meiner eigenen Heimat Iran, da, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Von dort könnte ich endlich wieder in meine bequeme, westliche Luxuswelt zurückkehren.
    Unfähig, auch nur einen einzigen weiteren Schritt zu machen, stehe ich da, mit meinem Körper aus Blei, in der herzlosen Sonne, und starre einfach so vor mich hin, als mich ein blaues Tuch anherrscht.
    La-elah-ha-el-allah. Was willst du von mir? Das sind meine Kinder. Lasst mich doch in Ruhe, in Gottes Namen.
    Meine Sinne reagieren zeitverzögert, ich höre mich selber sprechen. Verzeihen Sie bitte. Mehr kann ich nicht sagen, meine Zunge klebt an meinem Gaumen fest. Ich starre das Tuch vor mir an, bis ich endlich weitersprechen kann. Ich stehe nur so hier herum. Ich arbeite nicht für die Vereinten Nationen, auch nicht für eine andere Hilfsorganisation.
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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 320
Erscheinungsdatum 01.05.2003
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-45515-7
Verlag Goldmann
Maße (L/B/H) 18.3/11.6/2.5 cm
Gewicht 254 g
Auflage 11. Auflage
Verkaufsrang 45634
Buch (Taschenbuch)
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Kundenbewertungen

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Ergreifende Lebensgeschichte
von einer Kundin/einem Kunden aus Staufenberg am 01.09.2016

Eine ergreifende Lebensgeschichte. Es ermöglicht einen wahren Einblick über die Empfindungen dieser Frauen in Afghanistan und ist gleichzeitig total erschreckend, was diesen dort zugemutet wird. Sehr empfehlenswert.

Dieses Werk gibt einen tiefen Einblick über dieses Land.
von phindie aus Münster am 10.05.2011

Siba Shakib lieferte immer wieder mit ihren preisgekrönten Dokumentationen, vor allem für die ARD, Belege für die verheerende Situation der Bevölkerung in Afghanistan. Bei einer ihrer zahlreichen Reisen durch das vom Krieg gebeutelte Land, begegnet sie in einem der Flüchtlingslager Shirin-Gol. Shirin-Gol erzählt auf eindrucksvol... Siba Shakib lieferte immer wieder mit ihren preisgekrönten Dokumentationen, vor allem für die ARD, Belege für die verheerende Situation der Bevölkerung in Afghanistan. Bei einer ihrer zahlreichen Reisen durch das vom Krieg gebeutelte Land, begegnet sie in einem der Flüchtlingslager Shirin-Gol. Shirin-Gol erzählt auf eindrucksvoller und packender Art, ihren Leidensweg der vergangen Jahre. Sie erzählt von ihrem Leben, als die Russen einmarschierten und ihre Brüder und ihr Vater sich den Widerstandskämpfern der Mujahedin anschlossen. Wie ihre Schwestern alle Traditionen und Regeln brachen um sich den russischen Soldaten hin zu geben um diese anschliessend zu töten. Wie ihr Dorf zerstört wurde und sie nach Kabul flüchtete, wo sie eine russische Schule besuchte. Dort merkte sie schnell, wie viel reicher ihr Leben durch Bildung und Wissen wird. All dies soll ihr Kraft für alles was da noch kommen wird geben. Zum Ausgleich für Spielschulden wurde sie einem fremden Mann zur Frau gegeben und musste nach Verfolgungen und mehrfachen Vergewaltigungen vor dem Taleban-Regime flüchten. Eindrucksvoll und ohne die Erlebnisse mit westlichen Ansichten zu bewerten, schrieb Siba Shakib das ihr erzählte nieder. Es ist eine beeindruckenden Erzählung, die tiefgreifende Einblicke in das Schicksal abertausende von Mädchen und Frauen in Afghanistan gewährt. Ein Leben bestimmt durch Armut, Hunger und Rechtlosigkeit. Dieses Werk gibt einen tiefen Einblick über dieses Land. Ich kann jedem dieses Buch nur an Herz legen. Selten hat ein Buch mich so in seinen Bann gezogen.

Eine von vielen
von Asti am 29.08.2010

Ein Schicksal, das es so noch viele tausende Male im Afghanistan der Taliban gibt. Die Lebensgeschichte der Shirin-Gol, die allein ihr Leben und das ihrer Familie in einem Land, das gefesselt ist von der Terrorherrschaft der radikalen Islamisten der Taliban, bewältigen muss. Mit nicht zu glaubender Kraft und Stärke schafft Shiri... Ein Schicksal, das es so noch viele tausende Male im Afghanistan der Taliban gibt. Die Lebensgeschichte der Shirin-Gol, die allein ihr Leben und das ihrer Familie in einem Land, das gefesselt ist von der Terrorherrschaft der radikalen Islamisten der Taliban, bewältigen muss. Mit nicht zu glaubender Kraft und Stärke schafft Shirin-Gol es, allen Widrigkeiten zu trotzen und schlussendlich ihr Glück zu finden.